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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

Cjamangos neues Filmtagebuch

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"Let's Fantasy-Fuck Now!"


Psyched By The 4-D-Witch (US-DVD)

Ein pickliger Moppelhippie namens Cindy hat noch niemals einen Orgasmus gehabt und vertreibt sich folgerichtig die Zeit mit satanistischen Ritualen, z.B. nackichtes Kerzenschwenken im Schlafzimmer. Als sie auf einmal Kontakt zu einer Hexe aus dem 17. Jahrhundert bekommt, ist sie zunächst verblüfft. Die Hexe offeriert ihr diverse sexuelle Erfahrungen in der 4. Dimension. Aber dann muß Cindy erfahren, daß die Hexe noch andere Pläne hat...

Wer mich kennt, der weiß um meine Vorliebe für abgründigen Schlonz. Auch diese Vorliebe kennt aber Grenzen, hinter denen nur noch wüstes Ödland wohnt, durch das auf hohlen Knochen gespielte Melodien längst untergegangener Zivilisationen durch die Luft wabern. PSYCHED BY THE 4-D-WITCH ist ein toller Titel, aber was sich dahinter verbirgt, überschreitet eindeutig die Grenze zum Tal des Todes. Dort, wo Filme aufhören, Filme zu sein. Die obige Kurzzusammenfassung des Inhalts ist eine gottgläubige Annäherung, die keinen Anspruch auf Korrektheit erhebt. Die Nulpen, die diesen Film zusammengestümpert haben, hielten es für eine gute Idee, mit einer Super-8-Kamera durch San Francisco zu laufen und aufs Geratewohl irgendwelche uninteressanten Leute und nur unwesentlich interessantere Enten und Erpel zu filmen. Dieses Material wird teilweise optisch verfremdet, wobei der „Regisseur“ Überblendungen am besten im Griff zu haben scheint. Manchmal läuft das Bild auch verkehrt herum, weil das topshmoov ist und ziemlich satanisch. Dazwischen gibt es zahlreiche Bildschnipsel mit einer tanzenden Dämonenfrau, die ausschaut, als habe Kenneth Anger einen Kindergeburtstag gefilmt – ein Eindruck, der von den Kaspermasken, die als Dämonenfratzen herhalten sollen, noch verstärkt wird. Die sexuellen Begegnungen sind kaum als solche zu erkennen, da der „Regisseur“ auch hier Bilder ohne einen Hauch von gestalterischem Geschick zusammengeknöpert hat. Zu erkennen ist immerhin, daß die Hauptdarstellerin ein Pickelproblem hat, das sich wohl tatsächlich nur durch satanische Einwirkung lösen ließe. Zu den Attraktionen, die ihr die Hexe offeriert, gehört auch eine Schulfreundin, die sich – so behauptet es der Erzähler – eine lebende Schlange in den After geschoben hat, mit der sie nach erfolgter Entfernung Fruchtbarkeitstänze ausführt. (Hat freilich nix mit dem zu tun, was man auf der Leinwand sieht - zum Glück!) Auch der "König der Sexvampire" ist wirklich prima und sieht aus wie ein unter Drogen gesetzter tschechischer Hausmeister mit schlimmen Zähnen. Auf dem Soundtrack wird das begleitet von debilem Gelalle, Tonsilbensalat, der entfernt an die Platte mit Sprachstudien geistig Zurückgebliebener erinnert, die ich mal gehört habe. Aufgrund der psychedelischen Farbenspiele – Tuschfarben, bunt angeleuchtete Lampenschirme etc. – würde sich der Film gut dafür eignen, ihn an die Rückwand einer Disco zu projizieren. (Oder einer öffentlichen Toilette.) Der Tonschnitt ist abenteuerlich und hackt andauernd die Erzählersätze ab – Dialoge gibt's eh keine –, und auch mit Mussorgsky und den anderen Klassikern, die rechtefrei auf der Tonspur verwendet werden, kennt man kein Padong. PSYCHED BY THE 4—D-WITCH ist ein vollwertiger Ersatz für die langweiligsten Drogen der Welt. Ersatzhalber kann man sich allerdings auch mit einem Holzhammer auf den Schädel kloppen. Das geht schneller und kostet nix.

Der liebe Onkel Doofie, der als Kind vom Nähtisch gefallen ist, hätte das auch nicht besser hinbekommen.


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Formal dehydriert und glücklich


Garden Of The Dead (US-Video)

Was ist das denn bitte für eine abgefahrene Storyidee? Also: In einem Gefangenenlager in Colorado befinden sich einige Knackis, die ihre Zwangsarbeitsfron entschieden auflockern durch das Einatmen von Formaldehydgasen (!), denn das Lager beliefert auch ortsansässige Leichenbestatter. Gleichzeitig bereiten sich einige von ihnen auf einen Ausbruch vor. Als jener dann erfolgt, geht er mächtig in die Hose: Auf einem Friedhof werden die Flüchtlinge von den Schergen des Gefängnisdirektors füsiliert. Leckgeschlagene Fässer suppen den Totenacker aber schön mit Formalin ein, und so kommen die verscharrten Knastbrüder bald wieder an die Oberfläche und fordern Nachschlag...

Dies ist der einzige mir bekannte Film, in dem es um drogensüchtige Zombies geht. Genaugenommen geht es sogar um geile, drogensüchtige Zombies. Keine Ahnung, ob Formaldehyd dampft, und wenn ja, ob es eine berauschende Wirkung besitzt, aber die Zombies gehen voll kaputt darauf – leben und lernen! GARDEN OF THE DEAD stammt vom Sexploitation-Veteran John Hayes, dessen bester Film vermutlich GRAVE OF THE VAMPIRE bleibt, der bei uns unter verschiedenen Titeln veröffentlicht und verwirrenderweise dem Spanier/Argentinier Leon Klimowsky zugedacht wurde. GARDEN beginnt wie ein stinknormaler Gefängnisfilm, geht dann aber seine eigenen Wege. Das Resultat ist sicherlich kein vergessener Exploitation-Kracher, aber meinen Spaß hatte ich allemal. Sieht man einmal von den fröhlich in Formaldehyd planschenden Zombies ab, gibt es recht gutes Zombie-Makeup zu bewundern, das allerdings etwas rätselhaft ist – warum die Toten Verwesungsanzeichen zur Schau tragen, obwohl sie gerade erst verstorben sind, muß man wohl einen professionellen Leichenbestatter fragen. Natürlich gehört auch dieses Werk zu den Filmen, in denen die Leichen grundsätzlich 20 Zentimeter unter der Grasnabe verbuddelt werden. Wer sich aber über solche Nebensächlichkeiten den Kopf zerbricht, ist bei Exploitationfilmen eh am falschen Platz. Die einzige mir bekannte Videoveröffentlichung des Werkes läuft schlanke 58 Minuten. Das reicht dann aber auch. Mir gefiel der Film auf jeden Fall deutlich besser als der sehr langweilige DAS ENDE DER WELT, den Hayes bald darauf mit Starbesetzung drehte. Von GARDENs Schauspielern kannte ich nur Erik Stern, der ähnlich aufdreht wie in seiner Starrolle in Don Jones´ SCHIZOPHREN (THE LOVE BUTCHER), wo er die zentrale Doppelrolle innehat. Regisseur Lee Frost soll angeblich auch mitspielen, aber er ist mir in dieser Troma-Rumpffassung nicht aufgefallen.


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Zigeunerschnetzel


Drag Me To Hell (DVD)

Dies ist Sam Raimis großer Anti-Zigeuner-Film!

Zuerst einmal ein paar Anmerkungen zum Wort „Zigeuner“. Ich weiß nämlich gar nicht, was ich da sagen soll! Das Wort an sich ist ja gar nicht beleidigend und schuldet seine Herkunft wohl dem selben Wortstamm, der auch für das italienische „zingara“, das spanische „gitano“ und die bekannten französischen Zigaretten verantwortlich ist. Mit „ziehende Gauner“ hat das Wort rein gar nichts zu tun – das ist nur eine rassistisch geprägte Verballhornung. Trotzdem, wann immer ich auf meinem Roma-Synthie traurige Lieder spiele, frage ich mich, was ich stattdessen sagen könnte. Man will ja auch niemanden beleidigen.

Nun, Sam Raimi hat dieses Problem nicht, denn seine alte Zigeunerin ist ein sabberndes, zahnloses Wrack, und sie ist vor allem auch noch richtig böse, als ihr die blonde Protagonistin einen Kredit verwehrt. Bankangestellte Christine will der Vettel gar nichts Böses, aber die Situation läuft irgendwie aus dem Ruder, und bevor sie sich's versieht, hat sie einen Fluch an der Backe, und es handelt sich um einen Fluch der Güteklasse A!

Eine Freundin von mir warnte mich bereits, daß sie sich über diesen Film maßlos geärgert hätte. Ich vermute, daß dies weniger mit den rassistischen Gemeinplätzen zu tun hat, mit denen DRAG ME TO HELL operiert. Viel eher dürfte eine Szene dafür verantwortlich sein, in der Christine eine Katze opfert, um den Lamia-Dämon günstig zu stimmen, der ihr die Hölle heiß macht. Ich kenne sogar die Einstellung, mit der der Film bei ihr zweifelsohne verloren hatte...

Um es kurz zu machen: Mir hat der Film einen Riesenspaß bereitet! Zu Anfang war mir etwas unwohl, zumal ich Sam Raimi ja eher dem liberalen Flügel Hollywoods zurechne. Fakt ist, daß mir die blonde Bankangestellte und ihr widerwärtiger Yuppie-Freund richtig unsympathisch waren. Wenn man nun aber meint, daß Raimis Sympathien den Schönen & Reichen gehören, dann irrt man, glaube ich. Wer einen Beleg dafür braucht, der sollte sich mal den Anstandsbesuch bei den Eltern des Yuppie-Schnösels ankucken, den Raimi mit großer Lust zum Fiasko werden läßt. Christine stammt auch aus niederen Verhältnissen und strebt nach Akzeptanz durch die herrschende Klasse. Das wird überdeutlich in den Bank-Szenen, die größtenteils geprägt sind von ihren hektischen Versuchen, es dem ekligen Boß (wie üblich großartig: David Paymer) und dem schleimigen Mitbewerber recht zu machen. Christine wird vor allem für den Versuch bestraft, sich einem üblen System anzubiedern. Daß die Auslöserin des Fluches eine Zerrbildversion der bösen Zigeunerhexe ist (die ihr übrigens mehrmals am Kinn lutscht!), erscheint mir im Nachhinein als eine regelrecht koboldhafte Maßnahme Raimis, der damit Sozialkitsch nachdrücklich die Tür weist. Wie böse die Zigeuner auch immer erscheinen mögen, sie sind die Opfer des Systems, dem sich Christine anbiedert, und jenes System wird so unerquicklich dargestellt, das der Zuschauer ihm wohl kaum die Daumen drücken mag. DRAG ME TO HELL serviert seinen Horror-Comic-Quatsch mit viel inszenatorischer Raffinesse. Sein erster relativ preisgünstig gedrehter Film seit vielen Jahren scheint Raimi beflügelt zu haben. Das Tempo ist rasant, die Schocks massiv – man kommt kaum zum Luftholen. Ich betrachte den Film als einen gelungenen dreckigen Scherz, und wenn sich mancher Zuschauer über die politischen Unkorrektheiten aufregt, so paßt das irgendwie zum Film. Die Lektion, die ich aus dem Film bezogen habe, ist eindeutig: Never mess with a gypsy!


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Großmutti, warum hast du so große Brüste?


Blood Sabbath (GB-DVD)

Tony ist Langeweiler und Vietnamveteran und zieht mit seiner Klampfe durch die Lande. Als ihm von vier nackten Hippiemädchen fast das Geld geklaut wird, stößt er sich den Kopf und macht die Bekanntschaft einer Meerjungfrau namens Yyalah, in die er sich stürmisch verliebt. Da Yyalah aber niemanden lieben kann, der eine Seele zu seinen Besitztümern zählt, will David seine Seele loswerden. Da kommt ihm die Hexenkönigin Alotta (Dyanne Thorne!) gerade recht...

Ja, so schöne Filme hat Dyanne Thorne gedreht, bevor sie „Ilsa, Skihase der SS“ wurde! Wer einen Gruselfilm erwartet, sollte vom Betrachten des Filmes Abstand nehmen, denn der Horroranteil geht stramm gegen Null. Stattdessen bekommt man kitschigste Liebeshändel geboten, die schon damals eher erheiternd gewirkt haben dürften. Meerjungfrauen sind ja Märchenzubehör, und abgesehen von Curtis Harringtons hübschem NIGHT TIDE fiele mir auch kein Film ein, der sie jemals erfolgreich in den Bereich der düsteren Phantastik eingeflochten hätte. Das einzige grausige Element, das BLOOD SABBATH zu bieten hat, ist die süßliche Musik von Les Baxter (!), die über jeden Filmmeter hinwegseift, wenngleich einige Beatdurchführungen des Hauptthemas zumindest erträglich sind. Zu Davids Weggefährten gehören ein alter Penner namens Lonzo, der gelegentlich kleine Kinder klaut, um sie der Hexenkönigin zu opfern, aber ansonsten ein netter Purzel ist, und ein kompromittierter Priester mit lustiger Perücke. David wird von einem Tony Geary gespielt, der später mit der enorm erfolgreichen TV-Serie „General Hospital“ einen dicken Erfolg einheimste. Die Frau, die die Meerjungfrau spielt, kenne ich nicht, aber sie steht meistens mit trockenen Haaren im Teich, wenn sie mit David spricht. Dyanne Thorne sind wie üblich schwere Busen auferlegt worden, und daß sie diese mit Würde tragen würde, kann ich nicht behaupten: Sie ist für den größten Teil der Laufzeit in ein knallrotes Cape eingehüllt, das sie wie einen Transvestiten-Weihnachtsmann aussehen läßt, und auch die groteske Perücke hilft da wenig. Zu den wenigen Schauwerten des Werkes gehören ausgedehnte Nackttänze im Wald (=die Hauptbeschäftigung des Hexenordens) Die meisten jungen Meisjes sind mir nicht näher bekannt, aber es gibt zumindest ein paar Gesichter, die man in Sexfilmen der Zeit gesehen haben mag. Uschi Digard – die in der IMDb angekündigt wird – habe ich nicht entdeckt, aber vielleicht war ich auch nur von der Anmut der Hippies geblendet. BLOOD SABBATH besitzt kleinere Meriten, z.B. die mahnenden Vietnam-Flashbacks, die in ihrer Billigkeit wirklich rührend sind. Horrorfilmfans sollten aber einen weiten Bogen um das Werk machen.


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Ganzkörpergänsehaut!


Noroi (JP-DVD)

Ein Filmemacher namens Masafumi Kobayashi, der sich gewohnheitsmäßig mit paranormalen Phänomenen befaßt, schildert eine Vielzahl von rätselhaften Ereignissen, die alle in Zusammenhang mit einem kleinen Dorf zu stehen scheinen.

Eigentlich mag ich diese Filme im BLAIR WITCH-Fahrwasser nicht wirklich, zumal sie dazu verdammt zu sein scheinen, am Ast der Glaubwürdigkeit zu sägen, wenn der Kameramann selbst in lebensbedrohlichen Momenten geistesgegenwärtig sein Handwerkszeug mit sich führt. In manchen Fällen (z.B. CLOVERFIELD) sehe ich das den Filmen nach, wenn mich der Rest halt gut unterhalten hat. Manchmal nervt es aber, und besonders originell ist es ja nun auch nicht mehr. Der japanische NOROI allerdings stellt einen Ausnahmefall dar. Mein lieber Herr Gesangverein, stellt der einen Ausnahmefall dar... Um es vorwegzunehmen: Der Film ist klasse! Er ist nicht für jeden Zuschauer geeignet. Wer etwa einen traditionellen Geisterfilm erwartet, wird ihn wahrscheinlich eher langweilig finden, zumal sich seine diesbezüglichen Elemente in Grenzen halten. Worin der Film aber geradezu brilliert, ist die Erzeugung einer paranoiden Scheinrealität, in der die Anwesenheit des Übernatürlichen von den Figuren zunehmend als Fakt hingenommen werden muß. Die Idee, das Ganze im Format einer Fake-Dokumentation zu präsentieren, ermöglicht dem Regisseur eine kunstvoll fragmentierte Erzählweise. Er mixt die Privataufnahmen des fiktiven Filmemachers Kobayashi mit gesendetem oder ungesendetem TV-Material und anderen Quellen, die zunächst ohne Zusammenhang zu sein scheinen. Mehr und mehr aber wird deutlich, daß alle merkwürdigen Vorkommnisse in einen Kontext gehören. Die Methode der Wiederaufnahme von Figuren oder Bildern untergräbt dabei immer mehr die Skepsis des Zuschauers, der sich schließlich eingewoben sieht in eine beklemmende Situation, die weit über die gezeigten Bilder hinausreicht. Man arbeitet als Zuschauer regelrecht mit, und zwar ohne, daß man sich dessen bewußt wird. Explizite Grausamkeiten klammert der Film bis auf wenige Momente aus, doch vor dem geistigen Auge des Betrachters findet der Film seine Fortsetzung. Es geschieht äußerst selten, daß mir ein Horrorfilm begegnet, der mich wirklich kickt, der mich wirklich überrumpelt. Gerade im Bereich des J-Horrorkinos langweilt mich das meiste, was an uninspirierten Kopien von RING und JU-ON heutzutage so herauskommt. Regisseur Kôji Shiraishi befindet sich eher in der Liga von Shinya Tsukamoto. Aus bekannten Motiven – und ja, RING und JU-ON sind da natürlich auch mit drin! – bastelt er etwas völlig Neues und Überraschendes. Einige der Szenen gehören zum Unheimlichsten und Verstörendsten, was ich jemals gesehen habe. (Ich sage nur: die Kochszene!) Ich habe in einigen Momenten schlagartig eine Ganzkörpergänsehaut bekommen! Schocks sollte man keine erwarten. Der Film funktioniert anders und sollte in jedem Fall bei gelöschtem Licht betrachtet werden. Ich habe den Ton über Kopfhörer laufen lassen, was in Anbetracht der exzellenten Tonspur von Vorteil ist. Die deutsche DVD enthält auch den Originalton und Untertitel – gut so, denn eine adäquate Umsetzung der stimmlichen Leistung der Schauspieler ist hier schier unmöglich. Ein absoluter Kracher – dicke Empfehlung!


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Haste was, biste was!


Ruthless (TV)

Horace Wendig und Vic Lambdin waren einmal Freunde. Horaces skrupelloser Umgang mit Menschen führte schließlich zu einem Bruch. Nun scheint es so, als ob Horace – der mittlerweile ein schwerreicher Mann ist – seine moralische Seite entdeckt hat: Er stiftet den Großteil seines Vermögens einer wohltätigen Stiftung und will Frieden schließen mit jenen, die er einst ins Verderben gerissen hat. Doch die Rekapitulation seines Aufstieges weckt schlafende Hunde...

Edgar G. Ulmers Karriere war ebenso schillernd wie wechselhaft. Fast vollständig auf dem Gebiet des klassischen B-Filmes operierend, schuf er kleine Meisterwerke, aber auch abgründigen Schlonz. Wer jemals die mit Marionetten erstellten Tiefseetaucher-Szenen von ISLE OF FORGOTTEN SINS gesehen hat, weiß, was ich meine. Sein Teenager-Musical JIVE JUNCTION dürfte wohl das billigste sein, das jemals hergestellt wurde. Gleichzeitig handelt es sich bei Noir-Thrillern wie DETOUR oder MURDER IS MY BEAT um Juwelen, die jedem Fan des Genres vertraut sein sollten. Auch RUTHLESS gehört in diese Kategorie, wenngleich seine von zwei langen Rückblenden dominierte Narrative nicht genretypisch ist, um es mal vorsichtig auszudrücken. Zachary Scotts Horace Wendig ist einer jener Aasgeier, die in Hollywood-Mainstreamern gerne als gewissenlose Schurken angeboten werden. Die erste Rückblende schlüsselt auf, wie er zu einem Mann ohne Herz geworden ist: Horace wurde von seiner strengen Mutter aufgezogen, die ihn mit eiserner Hand drangsalierte und eine intensive Haßliebe in dem Jungen heranwachsen ließ. Als sie ihn schließlich aus selbstsüchtigen Gründen in ein Internat abschieben will, ist er zum letzten Mal in seinem Leben entsetzt. Danach dreht sich bei ihm alles um die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Um zu den Großen zu gehören, ist ihm jedes Mittel recht. Seinen hohl klingenden Sozialdarwinismus zieht er immer dann heran, wenn Freund Louis Hayward und die Frauen ihn ins Wanken bringen. Man spürt bei solchen Gelegenheiten aber auch immer eine völlige Hilflosigkeit, denn seine verkrüppelte Persönlichkeit ahnt um das, was er verloren hat bzw. vielleicht auch niemals haben durfte. Trotz der Skrupellosigkeit, mit der er gestandene Männer zerrüttet und in den Selbstmord treibt, ist er grundsätzlich ein bedauernswerter Charakter, und die weiblichen Figuren, die von ihm geschädigt werden, reagieren auch eher mit Traurigkeit, nicht mit Haß. Ein preisgünstig produzierter, aber immens spannender und effektiver Film, der uns einiges über das vermittelt, was jetzt als „Raubtierkapitalismus“ in aller Munde ist. Ein elegantes und spannendes Noir-Drama. Läuft gerade auf „Kinowelt TV“.


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Heiliger Bimbam


La bimba di Satana (DVD)

Auf dem Schloß von Antonio Aguilar (Aldo Sambrell) geht das Grauen um, seit seine Gattin Maria (Pornostar Marina Frajese) das Zeitliche gesegnet hat. Ihre Titten sind noch nicht kalt geworden, als sich die jungfräuliche Tochter Miria bereits aufzuführen beginnt wie eine Hafendirne. Auch verwandelt sie sich manchmal in ihre Mutter, deren Geist in sie gefahren zu sein scheint, um den Bösewichten zu geben, was der Bösewichte ist...

Schmierlappenware der Güteklasse A! Was kann man von Mario Bianchi anderes erwarten, der uns auch das nachdenklich machende Drama DER GEILE TAXI-FICKER bescherte? Der Produzent dieses Spektakels hieß Gabriele Crisanti, der sich in erster Linie dadurch auszeichnete, daß er seine Ehefrau – die hübsche Mariangela Giordano – in einigen wirklich bemerkenswert niederträchtigen Schleimfilmen unterbrachte, u.a. auch dem großartigen MALABIMBA (KOMM UND MACH'S MIT MIR), dem LA BIMBA DI SATANA deutlich nachempfunden ist. Zu den eindrücklichen Attraktionen dieses Werkes gehört der debile Butler, der dann und wann vom Bösen besessen wird, wild grimassierend auf dem Boden herumrollt und einem Hahn die Kehle durchbeißt (=Spezialeffekt). Auch redet er mit den Mumien, die in der Familiengruft herumliegen. Eigentlich muß man das nicht erwähnen, aber ausnahmslos jeder Schauspieler blamiert sich hier bis auf die Knochen. Crisantis Ehefrau darf sich als Nonne Sol zwischen den Beinen herumgrabbeln und auch etwas an Frau Frajese herumknuspern, deren üppigen Reize besonders in der längeren Pornofassung ausgiebigst zu bewundern sind. In Deutschland ist unter dem Titel SATANS BABY DOLL – SEXORGIEN IM SATANSSCHLOSS eine Fassung erschienen, die aber zumindest der zwei HC-Sequenzen entbehrt. Ich möchte aber versichern, daß man deshalb keine Krokodilstränen weinen sollte. (Aldo Sambrell darf kurz an die Frajese, wenn auch nur mit eingeschobenen Fremdgenitalien, und sein gelähmter Bruder bekommt kurz die Bill-Clinton-Spezialbehandlung, landet dann aber in der Grube.) Ich habe MALABIMBA lange nicht mehr gesehen, nehme aber schwer an, daß hier dasselbe Schloß verwendet wurde. Am meisten beeindruckt hat mich doch der Hausdiener-Geek, dessen ganze Existenz darin zu bestehen scheint, in der Gegend herumzustehen, mit Mumien zu sprechen und gelegentlich auf dem Fußboden herumzurollen – alternative Lebensgestaltung vom Feinsten! MALABIMBA war deutlich besser, aber ich habe ja ein Herz für Schlonz...


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Polizeiknüppeldick


MR 73 (DVD)

Kommissar Louis Schneider (Daniel Auteil) hatte mal eine Familie. Dann war die Familie weg. Seine Frau liegt behindert im Krankenhaus. Alles, was er hat, ist sein Beruf. Und da sieht er Leichen, Leichen und Schmerzen. Einige seiner Vorgesetzten decken ihn, obwohl sein Leben aus dem Leim geht. Aber es gibt auch richtige Arschlochbullen, die ihn fertigmachen wollen. Und je mehr er sich gegen sein Geschick wehrt, umso mehr zieht es ihn mit sich...

Regisseur Olivier Marchal war früher selbst Polizist. Sein vielbeachteter 36 mit Auteuil und Depardieu war bereits eine reife Leistung. Bei MR 73 ist wirklich ganz Feierabend. Mit der Einfachheit und ästhetischen Präzision des klassischen französischen Kriminalkinos schildert er die Tragödie eines einfachen Polizisten, der in seinem Beruf verloren geht. Sein eigenes Privatleben ist vor die Hunde gegangen, und so klammert er sich verzweifelt an das Privatleben anderer, macht die Verletzungen der Opfer zu seinen eigenen, vertraut auf eine Gerechtigkeit, von der er intuitiv weiß, daß sie schwerer zu greifen ist als ein Strohhalm im Wirbelsturm. Anders als in der klassischen Tragödie erscheint das Schicksal hier nicht als ein von Göttern produziertes Schauspiel, in das die Menschen hineingezwungen sind. Die Menschen erschaffen sich ihr Schicksal selbst, sind aufgrund ihrer Natur entsprechend vorgeprägt, tun das, was sie eben tun müssen. Zu Beginn des Filmes entführt ein komplett betrunkener Kommissar einen Linienbus und wird vom Überfallkommando hoppgenommen. Da Schneider auf große Erfolge zurückblicken kann, wird ihm seine Familienkatastrophe angerechnet. Er kommt mit einem blauen Auge davon. Doch ist er von nun an auf der Abschußliste. Auteuil spielt den zerbrechenden Mann grandios, und wäre das Material in anderen Händen vielleicht zu einem Selbstjustizspektakel geworden, konzentriert sich Marchal auf die Verletzungen, die bei allen Menschen vorliegen. Was soll man machen, wenn selbst die Ärzte krank sind? Was soll man machen, wenn Gott nicht zu finden ist? Man macht Dienst nach Vorschrift und versucht, sein Leiden und das der anderen zu lindern. MR 73 ist ein existentialistischer Polizistenfilm, der eine unglaubliche Intensität entwickelt. Ein Vergleich mit den Meisterwerken Jean-Pierre Melvilles liegt nahe und ist in diesem Fall sogar angemessen. Neben Auteuil gibt es noch andere exzellente Schauspieler, darunter Marchals Ehefrau Catherine (als Polizeipsychologin) und Philippe Nahon (der Fleischer aus MENSCHENFEIND) als Gewalttäter, der zum lieben Gott gefunden hat. MR 73 ist ein waschechtes Meisterwerk, das von Anfang bis Ende den richtigen Ton trifft. Mein lieber Herr Gesangverein, bin ich durchgerüttelt...


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Martys bunte Puzzlekiste


Shutter Island (Schauburg, Gelsenkirchen)

U.S. Marshal Teddy Daniels (Leonardo di Caprio) begibt sich zusammen mit seinem Kollegen Chuck Aule (Mark Ruffalo) nach Shutter Island. Auf dieser Insel ist eine Anstalt für kriminelle Geisteskranke beheimatet. Eine Insassin, die als extrem gefährlich eingestuft wird, ist entflohen. Bei ihren Nachforschungen stoßen Daniels und Aule auf zahlreiche Ungereimtheiten. Zudem wird Daniels von bizarren Alpträumen und Visionen heimgesucht, die ihm nahelegen, daß die Vorgänge nicht nach ihrer Oberfläche beurteilt werden dürfen. Mit der Hartnäckigkeit eines Spürhundes macht er sich daran, das düstere Geheimnis der Insel zu entblättern...

Ob man Martin Scorseses neuesten Film mag oder nicht, dürfte sehr mit der Erwartungshaltung des Zuschauers zusammenhängen. Im Vorfeld bekam ich einige Kommentare mit, die sich befremdet darüber zeigten, daß Scorsese sich nun am Genrekino versucht. Tatsächlich ist SHUTTER ISLAND überhaupt kein Genrefilm, bedient sich nur zahlreicher Genrekonventionen, vornehmlich aus dem Bereich des Horrorkinos. Faszinierend an dem Film fand ich vor allen Dingen, daß das Geheimnis von Shutter Island eigentlich gar nicht so sehr im Mittelpunkt steht, wie das bei einem Psycho- oder Horrorthriller gemeinhin der Fall wäre. Scorsese annonciert schon früh, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Wenn man den Film zum zweiten Mal sieht (und ich werde das ganz bestimmt tun!), wird man unzählige Hinweise finden, die häufig auch sehr subtil sind. (Streichhölzer!) SHUTTER ISLAND wirft mit freudianischen Symbolen um sich wie ein geisteskranker Psychotherapeut, bewegt sich dabei auf den Bahnen des Horrorkinos: Wendeltreppen, Labyrinthe (Station C!), Insel und Meer etc. Daß der Film sich dabei einer Künstlichkeit bedient, die ganz bewußt als Kunstgriff eingesetzt wird, unterscheidet ihn ein wenig von den früheren Scorseses, die für ihre Schuld-Geschichten einen weniger abstrakten Modus verwendeten. Der Film ist schwer einzuschätzen, bleibt doppelbödig. Di Caprio beginnt seine Darstellung auf einer komödiantischen Note, wenn er auf dem Schiff, das ihn zur Insel bringt, der Seekrankheit Tribut zollen muß. (Na, genaugenommen ist er hydrophob, was bereits der erste Hinweis ist.) Dann gibt es eine prachtvolle Szenenfolge, wenn das Auto seine Insassen in die Klapsmühle bringt und dabei auch den Zuschauer in die Anstalt förmlich hineinfährt (was im Kino wirklich prima funktioniert). Dann gibt es ein wenig traditionelle Kriminalgeschichte mit schauerromantischem Zierat. Es gibt Kriegsrückblenden mit Nazis, die fast untrennbar mit dem Haupterzählstrang verwoben sind. Dann paranoides Geraune und Gewisper, wenn die Erkundungsreise durch Neu-Bedlam beginnt. SHUTTER ISLAND ist samten inszeniert, Pracht lauert hinter jeder Ecke. Die Darsteller (darunter immerhin Ben Kingsley, Max von Sydow und Elias Koteas) leisten Beachtliches, auch wenn man sich bei den sehr präzise eingefangenen Darstellungen – wie bei Di Caprio – niemals so ganz sicher sein kann, wohin die Reise geht. Alles ist sehr befremdlich und desorientierend. Was ich von SHUTTER ISLAND halten soll, weiß ich noch nicht so ganz. Ich muß ihn erst einmal sacken lassen. Daß er mir riesig gefallen hat, weiß ich aber schon jetzt. Und ja, dies ist einer jener Filme, die man definitiv im Kino abpassen sollte...


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Für eine Handvoll Finger


The Cottage (DVD)

David und Peter, zwei Brüder, die im Gangsterumfeld tätig sind, haben die Armut satt und entführen die blonde Schnallentochter eines Bosses. Bei der Durchführung des (ohnehin schon nicht sonderlich gut durchdachten) Planes geht so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann. Doch mehr noch als die Häscher des grimmigen Tochtervaters müssen die beiden die Landbevölkerung fürchten...

Ein kleiner britischer Film, der als teils alberne, teils aber auch sehr, sehr lustige Krimikomödie beginnt, wird bei fortschreitender Laufzeit zu einem veritablen Splatterfilm, der sich seine Freigabe ab 18 redlich verdient. Erneut zeigen die Briten, daß sie ein Händchen für diese spezielle Art des Festivalstreifens haben. Andy Serkis und Reece Shearsmith (aus SHAUN OF THE DEAD) sind ziemlich klasse als ungleiche Brüder, die sich ein wenig mehr abgebissen haben, als sie schlucken können. Das Entführungsopfer ist eine gut durchtrainierte blonde Schnepfe, die einem der beiden Möchtegernentführer sofort das Nasenbein bricht. Regelrecht rührend sind Peters Versuche (näselnd, mit gebrochener Nase halt), der jungen Dame gegenüber einen bedrohlichen Ton anzuschlagen, obwohl er bedeutend mehr Angst vor ihr hat als sie vor ihm. So ähnlich muß sich das anfühlen, wenn man von Laurel und Hardy entführt wird... Nach etwa der Hälfte wird der Film gelegentlich richtig garstig und schreckt vor keinen Unfeinheiten zurück. Ich habe bemerkenswert häufig dreckig gelacht, aber bei aller Blutrunst ist der Film vor allen Dingen eines, nämlich charmant. So ist THE COTTAGE ein dankbarer Partyfilm, der allerdings eine robuste Natur beim Zuschauer voraussetzt. Läuft im Moment auf Premiere/Sky, wenngleich ich nicht weiß, ob er dort ungeschnitten ist.





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