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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

Cjamangos neues Filmtagebuch

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Urdeutsches Lurchluder


The Lorelei's Grasp (US-DVD)

In einer kleinen deutschen Stadt geht das Grauen um: Junge Frauen werden überfallen und entherzt! Könnte die sagenhafte Lorelei dahinterstecken?

Wenn es nach spanischen Drehbuchautoren geht, wäre das durchaus möglich! THE LORELEI'S GRASP war mir als nicht sonderlich lohnend in Erinnerung geblieben. Ich hatte früher allerdings auch nur ein holländisches Schrabbeltape zur Verfügung gehabt. Da mir ein Freund eine DVD des Filmes ans Herz legte, gab ich ihm eine zweite Chance, und hollahe! Also: Lorelei ist nämlich in Wirklichkeit eine Meerjungfrau (die sagenhaft schöne Helga Liné), die sich in Vollmondnächten (= „den Nächten Wotans“!) in ein Gummimonster verwandelt. An ihrer Seite hat sie Narbengesicht Luis Barboo, der Alberich spielt, den größten Zwerg der Welt. Dem See der Lorelei nahegelegen ist eine Mädchenschule, in der die ältesten Teenager Deutschlands wohnen. Da es sich bei der DVD-Fassung um eine spanische Version handelt, haben die Mädels alle Bikinis an, denn Brüste durfte man in Spanien zu jener Zeit nur zeigen, wenn sie zerschnitten oder zerrissen wurden. Sie benehmen sich allerdings sehr blond, gackern also debil, während sie sich in der Badewanne den Rücken abschrubben etc. Zum Schutz der deutschen Maidenschaft wird Tony Kendall herbeiexpediert, der einen professionellen Jäger namens Sigurd spielt. (Kreisch!) Seine Qualifikation als Jäger vermag ich nicht zu beurteilen, aber breitbeinig mit seiner weißen Schlaghose posieren kann er prima. Die frigide Professorin Elke (die genauso alt zu sein scheint wie ihre Schülerinnen) ist insgeheim in ihn verliebt und duldet deshalb keine Techtelmechtel. Bis Sigurd die unterirdische Höhle der Lorelei entdeckt (=Rudi's Reste Rampe!), werden noch einige Herzen aus Leibern gerissen.

Ein großartiger Film! Selbstredend ist keine Szene davon in Deutschland gedreht worden. Eine mögliche Ausnahme stellen die Flußaufnahmen dar, die vor einem kaiserstuhligen Weinberg gedreht wurden. Sie sind nicht sehr stimmungsvoll, erlauben aber großzügige Einblicke in das Wesen der deutschen oder spanischen Binnenschiffahrt. Toll sind auf jeden Fall die Szenen im Dorf, das Kitschpostkarten aus dem bayrischen oder fränkischen Raum nachgestaltet ist. Über manchen Häusern hängen da Schilder, auf denen „Lebensmittelgeschäft“ steht. Daran werde ich heute abend denken, wenn ich in die Kneipe gehe. (Die, über deren Eingang auch ein großes Schild mit der Aufschrift „Kneipe“ angebracht ist!) Die Bezugnahmen auf die germanische Legendenwelt sind ganz allerliebst. Allerdings hätte ich Tony Kendalls Figur in Anlehnung an seinen „Kommissar X“, Jo Walker, eher Jogurd getauft, aber man kann nicht alles haben. Helga Liné sieht einfach toll aus, und daß sie in dieser Fassung leider ihre Sachen anbehält, ist der einzige veritable Wermutstropfen. Der Stuntman, der ihre Lurchluder-Inkarnation spielt, gibt alles und reißt den Knallchargen die Gummischeiße aus dem Leib. Auch hier fällt auf, daß Lurchi manchmal blutbeschmierte, manchmal blitzeblanke Krallenhände spazierenführt. Neben diversen deutschen Mädels erwischt es den bestgekleideten blinden Bettler Deutschlands, der vorher mit seiner Fiedel das Lied der Lorelei angestimmt hat. Ein Professor muß auch dran glauben und gießt sich bei seinem letalen Abgang noch eine Urinprobe ins Gesicht, die sich als säurehaltig erweist – alles für das Jugendverbot! Mit Tante Helga in Walhalla – so läßt sich die Ewigkeit genießen...


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Der Blasekämpfer


Blastfighter - Der Exekutor (DVD)

Jake war Cop, und Jake war im Gefängnis. Jake hat den Mörder seiner Frau umgebracht, aber die Welt ist unfair und gemein, und so wanderte Jake in den Kahn. Jetzt ist er wieder draußen, und er will nur seinen Frieden. Zudem stößt eine junge Frau zu ihm, die behauptet, seine Tochter zu sein. Doch selbst in den Wäldern von Georgia kann ein Mann nicht in Ruhe Rotwild ermorden. Denn Wilderer kommen ihm in die Quere. Und die Hillbillys blasen zur Bullenhatz...

THE BLASTFIGHTER hat ein wirklich tolles Drehbuch. Angeblich waren daran fünf Leute beteiligt, auch wenn man den Eindruck bekommt, ein durchschnittlich begabter Hausmeister hätte das auch hinbekommen. Motive aus RAMBO und sämtlichen Backwoods-Heulern, die man jemals gesehen hat, werden flüssig miteinander verwoben, wobei das Hauptaugenmerk wohl darauf lag, daß keines der verwendeten Elemente irgendeinen Sinn ergeben darf. Hauptdarsteller Michael Sopkiw war hauptberuflich Model, kein Mime, und so verwundert es auch nicht, daß Robert de Niro hier keine Konkurrenz erwächst. Irgendwie niedlich fand ich, daß seine Filmtochter nicht wesentlich jünger ist als er selbst. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, ständig rumzunölen oder Sachen zu sagen wie „Ich kann nicht mehr!“ oder „Du gibst wohl niemals auf!“ (Toll auch eine Szene, in der die Gejagten in einem alten Schuppen Zuflucht suchen. Sopkiw wühlt hektisch im Geraffel, das da rumliegt. Töchterlein fragt: „Du suchst eine Waffe, stimmt's?“ Nein, er sucht eine Gitarre, ist doch klar...) Dann muß sie natürlich Platz machen, denn es handelt sich um einen Männerfilm, in dem Männer vor Männern männliche Sachen machen, z.B. Hirsche killen oder Polizisten. (Die verwendeten Tierballereien sind übrigens Archivmaterial. Lamberto Bava bekam die Idee zu dem Film, als er in einer Zeitung von Wilderern las, was ihn von Herzen anwiderte. Das einzige Tier, das bei den Dreharbeiten zu Schaden kam, war ein Hirschkalb, das beim Transport einen Herzschlag erlitt!)

Das Drehbuch ist wirklich dumm wie Brot, aber gestört hat mich das nicht wirklich. Unglaublich, daß solche Filme bei uns einmal im Kino liefen – was für eine wilde Zeit war das! Sopkiw verfügt zum Rachemachen über eine Superflinte mit unzähligen drollig aussehenden Spezialpatronen, die aussehen wie diese Überraschungseier, die man manchmal aus Kaugummiautomaten rausholen kann und dann immer enttäuscht ist, weil man ja eigentlich Kaugummi wollte. Einige Patronen haben sogar kleine Korkenzieher unter der Hülse. Die Hillbillys treten bevorzugt im Dutzend auf und teilen sich alle zusammen ein Gehirn. Theoretisch hätte man Sopkiw aber auch die Gesamtbevölkerung von Georgia in den Weg stellen können – die hätte er auch lässig weggebombt! George Eastman spielt Sopkiws ehemaligen Buddy, der seit einem Privatduell leider verkrüppelt ist und somit noch eine Rechnung mit dem Helden offen hat. In einer kleinen Nebenrolle taucht auch Regieassistent Michele Soavi auf und bekommt sofort die Mappe voll. Die billigen Synthetik-Rhythmen der Gebrüder De Angelis nüddeln im Hintergrund, während vorne alles ballert und durch die Gegend fliegt. Ein Film für Leute, die nicht immer nur Hochgeistiges sehen wollen, wie z.B. mich.


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Fastrecht der Prärie


Lawman (TV)

Marshal Maddox (Burt Lancaster) kommt nach Sabbath. In seiner eigenen Stadt, Bannock, haben sich Viehtreiber aufgeführt wie die Sau im Stall. Dabei ist ein Mann umgekommen. Jetzt will Maddox die dafür Verantwortlichen dingfest machen und einem ordentlichen Gericht überstellen. Dumm nur, daß deren Chef, Bronson (Lee J. Cobb), der einflußreichste Mann der Stadt ist...

Klingt vertraut? Tja, falsch gedacht! Unglaublich, daß Michael Winner – der nur vier Jahre später mit DEATH WISH eine wahre Orgie der Selbstjustiz entfesseln sollte – einen so beeindruckenden Western wie LAWMAN hingelegt hat. Während DEATH WISH in seiner konsequenten Übertragung von Westernmotiven in den Großstadtdschungel ein heilloses moralisches Kuddelmuddel erzeugt, das streckenweise fast grotesk anmutet, leistet sich LAWMAN eine Figurenentwicklung, die ich in dieser Form nicht wirklich erwartet hätte... Marshal Maddox ist ein Vertreter von Recht & Ordnung, wie ihn der klassische Western in Serie produziert hat – unbestechlich, eisern, erbarmungslos mit seinen Feinden. Er reitet als steinerne Nullstelle des Gesetzes in eine Stadt, die auf Kompromiß und willkürliches Augenmaß gegründet ist. In Gestalt des Sheriffs Cotton Ryan (Robert Ryan) bekommt der Zuschauer auch gleich ein schlechtes Gegenbeispiel vorgesetzt: Ryan war einst ein Revolverheld, hat aber aufgegeben und sich an den Meistbietenden verhökert. Maddox hingegen gehorcht seinem eigenen Rechtssystem, das oberflächlich mit jenem der zu zivilisierenden USA identisch ist. Er funktioniert wie eine Maschine, wirkt wie ein emotionsloser Menschendarsteller. Der Zuschauer akzeptiert ihn sofort als Vollwerthelden, auch wenn ihm eigentlich keine sympathischen Eigenschaften anhaften. Der Mann schafft Konstanten, wo keine Konstanten sind. So scheint es zumindest. Der Showdown des Filmes ist mal ein echter Tritt in die Zwölf und wirft die leichte Verfügbarkeit einer allgemeingültigen Moral über den Haufen. Anstatt die gewohnte Abrechnung und die daraus gewonnene wohlfeile Befriedigung zu präsentieren, überwiegt bei LAWMAN am Schluß der Eindruck, daß irgendetwas mit den Figuren des Filmes dramatisch schiefgelaufen ist. Die Auflösung gehört zu den verstörendsten, die ich jemals in einem Hollywood-Western gesehen habe. Winner machte im Folgejahr den guten Indianerwestern CHATOS LAND mit Bronson, der aber gewohnteres Terrain beritt. LAWMAN würde ich neben die pessimistischen Männerfilme eines Robert Aldrich stellen. Richtig cool.


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Schreiblockade


Deadline (2009) (DVD)

Drehbuchfrau Alice Evans (Brittany Murphy) befindet sich auf der Flucht vor ihrem Ex, der die Trennung nur schwer verkraften konnte und seitdem alles daran setzt, daß Alice sie auch nur schwer verkraftet. In einem wunderschönen, abgelegenen Landhaus findet sie die geeignete Kulisse für die Entstehung ihres neuen Skriptes. Dies sogar in mehr als einer Hinsicht, da sie einen Haufen alter Videoaufzeichnungen findet, die ein Paar gemacht hat, das das Haus mal bewohnte. Und je tiefer sie in diese fremden Überbleibsel eindringt, umso größer wird ihre Überzeugung, daß sich hier einst Schreckliches zutrug...

DEADLINE ist ein hübscher kleiner Quasi-Geisterfilm, dessen grottige Bewertung in der IMDb ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Möglicherweise ist sie darauf zurückzuführen, daß der Film sich der Schockstrategien, die neuere Geisterfilme für mich ungangbar machen, weitgehend enthält. Es gibt ein oder zwei etwas überflüssige Schock-Cuts auf grausige Dinge, an die man sich mittlerweile aber gewöhnt hat und die somit wirkungslos bleiben. Ansonsten erzählt der Film eine hübsche traurige Liebesgeschichte und nimmt seine Figuren erfreulicherweise ernst. Die netteste Überraschung war, daß die Schauspieler ihre Sache gut machen, vor allem die tragischerweise gerade verstorbene Brittany Murphy. Ich kannte sie bislang nicht wirklich und hielt sie demzufolge für einen typischen Hollywood-Bimbo. (Direkt davor sah ich einen neuen „Thriller“ mit dieser TWILIGHT-Trulla, die verglichen mit der Murphy wirklich Provinzliga ist.) Etwas beklommen macht einen der Umstand, daß die Schauspielerin mit gerade mal 32 Jahren verstorben ist, schon, zumal sie in DEADLINE nicht besonders gesund ausschaut. Vielleicht erklärt sich dieser Umstand auch nur aus der Story des Filmes heraus, zumal ihre Alice Evans entnervt, übersensibel und schwer beziehungsgeschädigt ist. Die „Geistergeschichte“ des Filmes wird in Rückblenden geschildert, in denen sich Thora Birch mit einem überprotektiven Hanswurst herumschlagen muß. Die Grundstimmung von DEADLINE ist trist, herbstlich und zuckerfrei. Wer Geisterbahneffekte erwartet, wird vermutlich etwas enttäuscht, aber ich fand den Film sehr nett. Der letzte Geisterfilm, den ich als Neuerscheinung gesichtet hatte, war DAS HAUS DER DÄMONEN mit Virginia Madsen, welcher nett begann, sich dann aber zunehmend auf immer öder werdende „Schocks“ verließ und schließlich – Todsünde! – frömmelnd endete. Immerhin schenkte mir jenes Werk meinen derzeitigen Lieblings-Arztwitz: Sagt der Arzt zum Patienten: „Ich habe leider eine schlimme Neuigkeit für Sie. Sie haben Krebs. Und sie haben Alzheimer.“ – Seufzt der Patient: „Na... wenigstens habe ich keinen Krebs!“

Ganz kurz handele ich mal die anderen Neuerscheinungen ab, die ich letzte Woche durchgeackert habe:

- KARLA: Auf einem authentischen Fall basierendes Psychodrama von einer Frau, die sich den falschen Mann anlacht, nämlich einen Serienmörder und –vergewaltiger. Der Film verkneift sich direkte Grausamkeiten fast völlig, ist aber eine ähnlich harte Packung wie AN AMERICAN CRIME und zehrt ebenfalls von herausragenden Darstellern. Hochgradig beunruhigender Film, für Parties ungeeignet, aber wirklich exzellent gemacht.

- SCHWARZES HERZ: Ein netter Organspende-Horrorfilm, in dem der Protagonist nach einem Unfall ein neues Herz verpaßt bekommt und dann mit bizarren Visionen umzugehen hat. Auch mit Morden. Nicht überschäumend originell, aber eine faire Packung, da hinreichend spannend. Und der Schluß ist ein ziemlicher Tritt in die 12. Produziert von Ridley Scott. Wann kommt der lustige Organtransplantate-Heuler BODY PARTS eigentlich mal raus?

- SUMMER'S MOON: Völliger Murks auf Kabelfernseh-Niveau. Bimbo (=die TWILIGHT-Trulla) kommt in eine Kleinstadt, sucht nach ihrem Papa, wird von einem Geisteskranken und seiner Mutter gekidnappt und festgehalten. Ein lausiges Drehbuch, das uns weismachen will, daß in amerikanischen Kleinstädten lauter hübsche Menschen herumlaufen. (Die Werkstattbesitzerin z.B. ist ein veritables Boxenluder.) Weitgehend sinnfreie und klischeehafte Charakterentwicklung. Die Mutter spielt ganz gut, Stephen McHattie als später hinzustoßender Daddy sogar sehr gut, der Rest der Schauspieler paßt sich dem Niveau des Filmes an. Murks. Lausige Synchro zudem.

- EVIL GROUND: CHILDREN OF THE CORN, Teil 26. Eine junge Frau hat einen Autoschaden und bleibt in einer kalifornischen Kleinstadt hängen, in der einst ein entmenschter Prediger Unheil verbreitet hat. 100 Jahre später fährt sein Geist in eine Vogelscheuche, die daraufhin Gas gibt. Typisches Horrorcomic ohne Anspruch. Wenn man sich einfach nur von Horrorquatsch berieseln lassen möchte, ist das in Ordnung, aber mir geht so etwas mittlerweile komplett am Po vorbei. Und Vogelscheuchen sind ja auch schon ziemlich ausgelutscht. Operation Lippenfurz.


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Waffeln des Glücks


Die Frau, von der man spricht (TV)

Sportreporter Sam Craig (Spencer Tracy) mag es nicht, wenn man ihm auf die Füße tritt. Dies ist auch der Fall, wenn das eine so erlauchte Person wie die ebenso eigensinnige wie hochbegabte Gesellschaftskolumnistin Tess Harding (Katherine Hepburn) versucht. Als sie sich treffen, sollen erst die Fetzen fliegen. Stattdessen verlieben sie sich ineinander. Bereits in der Hochzeitsnacht deutet sich an, daß auf dieser Union kein Segen lastet: Ein osteuropäischer Flüchtling platzt herein, und bevor es sich Sam versieht, ist sein Polterabendgemach angefüllt mit Konsulen, Emigranten und Mitgliedern der hohen Gesellschaft. Das Maß scheint voll, als Tess so nebenbei ein Kind adoptiert. Wird die Liebe siegen?

Man kann dieser hinreißenden Komödie aus der heutigen Sicht vorwerfen, sie propagiere letztlich die Rückkehr der Frau zum Herd, aber dann muß man schon sehr viel Kreide gefressen haben. Das Phänomen der Karrierefrau als logische Weiterentwicklung der klassischen Suffragette war 1942 wohl schon ausgeprägt genug, um darüber einen ganzen Hollywood-Film zu machen. Hätte man weniger intelligente Schauspieler als Tracy und die Hepburn zur Verfügung gehabt, und hätten weniger humorbegabte Autoren als Ring Lardner jr. und Michael Kanin das Drehbuch geschrieben (die für ihre Arbeit den Oscar erhielten), wäre die Sache vielleicht in die Hose gegangen. Tatsächlich nimmt der Film seine Figuren vollkommen ernst, gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis, schildert einen gut nachziehbaren Konflikt, wie er wohl in jeder Beziehung vorkommen kann. Beide Ehepartner können nicht aus der eigenen Haut, wie sehr sie es auch versuchen. Theoretisch hätte die Geschichte auch zu einem rührseligen Melodram gedroschen werden können, doch zum Glück geht den Autoren diese Gewaltsamkeit ab. Der Film enthält großartige Dialoge, schillernde Darstellungen und die vermutlich beste Waffelmach-Szene aller Zeiten! Ring Lardner jr, Sohn des legendären Humoristen und Journalisten Ring Lardner, gehörte zu den „Hollywood Ten“, da ihm seine ehemalige Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei von gewissen Leuten mißbilligt wurde. Erst in den 60ern konnte er wieder unter eigenem Namen arbeiten und bekam für M.A.S.H. dann gleich noch einen zweiten Oscar. Auch dem ursprünglich konservativen Tracy und seiner liberalen Kollegin, die viele Jahre lang als unverheiratetes Paar zusammenlebten, müssen die vom Film geschilderten Probleme wohlbekannt gewesen sein. Ihre ungleiche Liaison war für Hollywood-Verhältnisse eigentlich unerhört (Tracy war die ganze Zeit über offiziell mit jemand anderem verheiratet!), aber man verzieh den eigensinnigen Geliebten alles. Auch EHEKRIEG und PAT UND MIKE gehören zu den schönsten Filmkomödien, die in Hollywood jemals produziert wurden. Als Tracy gefragt wurde, warum er in den Vorspännen zu ihren gemeinsamen Filmen immer zuerst genannt wurde, obwohl das eigentlich doch recht unhöflich wäre, antwortete er: „Weil das Filme sind und kein Rettungsboot, Sie Hohlkopf!“


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Ich bin das Walroß!


The Erotic Dr. Jekyll (US-Video)

In diesem epochalen Werk spielt Harry Reems einen Nachfahren des berühmten Arztes, der einen verhängnisvollen falschen Bart trägt (als ob Harrys Walroßschnäuzer nicht schon genügen würde!) und seine Ehefrau C.J. Laing zu Tode langweilt. Er arbeitet an vergleichsweise harmlosen Sachen. Im Hause seines Urahns findet er nicht nur ein entschieden niedrigklassiges Laboratorium, sondern einen vergnüglich aufgezottelten Bobby Astyr, der eine wunderbare Interpretation des buckligen Igor gibt, einst unsterblich gemacht von Bela Lugosi. Bobby zeigt dem jungen Arzt eine Wundertinktur, die Jekyll senior für kurze Zeit zu einem überaus beliebten Zeitgenossen gemacht hat - beliebt bei den Frauen, erfolgreich im Beruf. Allerdings kann man die Tinktur nur einmal verwenden - danach ist's Essig mit Tschingderassabumm! Jekyll senior trat aus eigenen Stücken freiwillig den Rückzug ins normale Leben an. Harry will herausfinden, warum das so war. Er trinkt den Sud und verwandelt sich - in Harry mit Walroßschnäuzer! Zusammen mit dem Buckligen macht er eine reiche MILF klar, die ihm nahelegt, eine Rockstarkarriere anzustreben. In einer ganz wunderbaren Collage zeigt uns Harry, was er definitiv nicht kann - singen nämlich. Die Frauen stehen aber darauf, und selbst bei einer Talkshow bläst ihm ein aufgebrachtes Groupie den Marsch. Ein kurzfristig anberaumter Sex-Wettbewerb soll dann klarstellen, wer die Stöhnste im Lande ist. Am Schluß muß Harry natürlich erkennen, daß wahre Liebe, und, ächz... Der Film bemüht sich wacker, die „crazy comedy“-Variante des New Yorker Pornokinos zu reiten, mit durchaus gemischtem Erfolg, da halt sehr wenig Geld vorhanden war. Trotzdem siegt der Film aufgrund seiner gezeigten Bizarrerien. Als Regisseur zeichnete der Regisseur Tim McCoy verantwortlich, der u.a. den sehr abgründigen Porno-Krimi SEX WISH verbrach, der definitiv nicht zu Alice Schwarzers Lieblingsfilmen zählen wird. (Ich möchte aber, glaube ich, auch niemand anders kennenlernen, zu dessen Lieblingsfilmen er zählt...) Die IMDB meint, es handele sich um Victor Milt, der jetzt Dokumentarfilme macht. Könnte ich mir schon vorstellen, denn manche seiner Frühwerke wirken durchaus ambitioniert. THE EROTIC DR. JEKYLL ist hochgradiger Unfug mit viel Sex, in dem diverse NYC-Darstellerinnen auftauchen, darunter Terri Hall aus THE STORY OF JOANNA und Nancy Dare, die diverse Male mit Joe Sarno zusammengearbeitet hat. Produzent Leonard Kirtman (alias „Leo The Lion“!) übrigens begann seine Laufbahn mit der Produktion und Regie von Sexploitern, die dann später ins Vollsaftige hineinsuppten. Mit seinem Horrorfilm CARNIVAL OF BLOOD versuchte er, ins Exploitation-Lager überzusiedeln, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. (Wenngleich ich den Film durchaus mag, da er bizarre Charaktere, gutes Off-Broadway-Improvisieren der Schauspieler und den ersten Auftritt von Charaktermime Burt ROCKY Young enthält.) Später machte er noch den allerdings sehr langweiligen Hippie-Horror CURSE OF THE HEADLESS HORSEMAN. Im Internet fand ich einen sagenhaften Zeitungsartikel, der von Lennies Plänen berichtete, einen Kinderfilm in New Rochelle zu drehen, der HERBIE THE SUPER DOG heißen sollte! Herbie sollte angeblich Flugzeuge fliegen, sporttauchen, Motorrad fahren und „ein paar saftige Karatetricks“ draufhaben, um „eine wahnsinnige Bande von Profikillern lahmzulegen“. Aus dem Wunderpudel wurde dann überraschenderweise nichts. Stattdessen ging es zurück zu den Bären, die Kirtman dann an der Westküste in Szene setzte, meistens unter dem Pseudonym „Leon Gucci“...


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Traute Zweisamkeit


Das Verhör (TV)

Kommissar Gallien (Lino Ventura) fährt in der Neujahrsnacht zum Polizeirevier, um einen dringend Tatverdächtigen in zwei Mordfällen zu vernehmen: Der angesehene Anwalt Martinaud (Michel Serrault) soll zwei kleine Mädchen vergewaltigt und getötet haben. Noch ist der Kommissar nicht restlos überzeugt von der Schuld des Mannes, aber eine durchwachte Nacht soll Klarheit schaffen...

Tja, völlig brillantes Kino! GARDE A VUE ist als Psycho-Kammerspiel angelegt, reduziert die Handlung fast vollständig auf den Verhörraum. Daß das Ergebnis spannender ist als die meisten anderen Krimis, liegt an der exzellenten Arbeit aller Beteiligten. Das Drehbuch – angefüllt mit fesselnden und in der deutschen Fassung stimmig übersetzten Dialogen – reicht dem Betrachter gerade genug Häppchen, um sich seine eigene Meinung über die in der Vergangenheit liegenden Verbrechen bilden zu können. Gleichzeitig bekommen die Schauspieler Gelegenheit, ihre Charaktere allein auf der Grundlage ihres Könnens mit vielen Nuancen auszustatten, die weit über den Erkenntnisgang eines herkömmlichen Polizeikrimis hinausgehen. Michel Serrault zeichnet seinen vermeintlich honorigen Bürger, der den hartgesottenen Polizisten Rede und Antwort stehen muß, als einen vorgeblich wetterfesten, tatsächlich aber höchst fragilen Zwangscharakter, der gelernt hat, mit den Skeletten in seinem Schrank zu leben. Der Esprit und der Witz, mit denen er versucht, die belastenden Argumente der Polizisten auszuhebeln, verdecken nicht die tief innewohnende Angst, die der Motor seines Handelns ist. Lino Venturas Kommissar steht vor dem Problem, diese Fassade zu durchbrechen, immer im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen. Venturas Pokerface verunsichert dabei nicht nur den Verdächtigen, sondern auch den Betrachter – handelt es sich bei seinen sorgsam komponiert erscheinenden Fragen um Tricks, um Finten, oder ist er wirklich so direkt, wie er zu sein vorgibt? Man merkt dem Film an, daß Regisseur Claude Miller (der mit Serrault im Jahr darauf in dem gleichermaßen hervorragenden DAS AUGE zusammenarbeiten sollte) ein vorzüglicher Schauspielerregisseur ist, der sich auch bei Stars nicht scheut, seine Richtung vorzugeben. Die Schauspieler danken es ihm mit vorzüglichen Leistungen. Die Gaststars Romy Schneider (Serraults Filmgattin) und Guy Marchand (Venturas jähzorniger Partner) sind gleichermaßen beeindruckend. Was die makellose Erzeugung von heftigen Gefühlen auf engstem Raum angeht, ist der Film mit Sidney Lumets DIE 12 GESCHWORENEN vergleichbar, bei dem ebenfalls eine von großen Spannungen bestimmte Figurenkonstellation den Zuschauer von Anfang bis Ende fesselt. Ein Film wie ein gutes Buch. Ganz große Klasse.





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