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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

Cjamangos neues Filmtagebuch




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"Daß noch so viel Frau in dem Manne war..."



Hamlet (1921) (TV)

Die extrem coole Stummfilmdiva Asta Nielsen hatte in dieser freien Bearbeitung der Shakespeare-Tragödie einen ihrer vermutlich bemerkenswertesten Auftritte. („Vermutlich“, da viele ihrer Filme heute nicht mehr zur Verfügung stehen.) Im Zentrum des Filmes steht natürlich das Gimmick, den Prinzen von Dänemark von einer Frau spielen zu lassen. Damit verkehrten die beiden Regisseure Svend Gade und Heinz Schall die Tradition des elisabethanischen Theaters, in dem auch die Frauenrollen von Männern gespielt wurden. Der Handlung um den Prinzen, der im Ränkespiel um Machtinteressen zwischen Norwegen und Dänemark unter die Räder gerät, verleiht das eine interessante Note, da die Zerrissenheit Hamlets hier auch Ausdruck seiner problematischen sexuellen Identität ist. Der Prolog verdeutlicht, daß – wegen einer schwerwiegenden Verletzung des dänischen Königs – die Tatsache, daß die Königin ein Mädchen geboren hat, vor dem Volk verheimlicht wird. Zwar überlebt der König, aber der Trug kann nun nicht mehr zurückgenommen werden. Hamlet wird als Junge aufgezogen und gewöhnt sich alsbald an den Geschlechtertausch. Diese traurige Posse verwehrt ihm freilich auch seine Erfüllung, da er gezwungen ist, eine Lüge zu leben. Asta Nielsen ist ziemlich brilliant. Ihr expressives Spiel – sehr im Einklang mit den deutschen Stummfilmen der frühen 20er – wird unterstützt von einer schwarzen Männertracht und einem Makeup, die sie fast wie Conrad Veidts Double aussehen lassen. Der Hamlet ist eine Rolle, die leicht zur depressiven Stereotype geraten kann. Die Darstellung der Nielsen läßt Hamlet nicht als ineffizienten Jammerlappen erscheinen, sondern als durchaus kämpferische Figur, die im Widerstreit mit sich selbst steht und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie in diese lamentable Rolle hineinzwängen. Diese frühe Übung in „gender switch“ entsprach durchaus der Mode der Zeit, die Frauen in Männerkleidern nicht nur akzeptierte, sondern sogar als begehrenswert erscheinen ließ. Es gab zahlreiche Stummfilme, die sich mit „cross-dressing“ und Homosexualität befaßten. Mein persönlicher Favorit ist Ernst Lubitsch´ ICH MÖCHTE KEIN MANN SEIN, in dem die Protagonistin (gespielt von einer Schauspielerin mit dem fabelhaften Namen Ossi Oswalda!) mit ihrer verwirrenden Tracht gegen die Gesellschaft rebelliert. In deutschen Filmen wurde diese Tradition dann in Filmen wie VIKTOR UND VIKTORIA und MÄDCHEN IN UNIFORM weitergeführt, bevor das Thema dann in diffamierenden Plotten à la CHARLEYS TANTE versandete. Der beste Stummfilm zum Thema Homosexualität, den ich kenne, ist Carl Theodor Dreyers MICHAEL, der die ungewöhnliche Liebe im Zentrum der Handlung mit Ernsthaftigkeit und Sympathie behandelt und ohne die sensationalistischen Schlenker auskommt, die Filme wie Richard Oswalds ANDERS ALS DIE ANDEREN charakterisieren.

Was HAMLET angeht, so möchte ich allerdings hinzufügen, daß der Polonius ausschaut wie ein geisteskranker Druide.




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