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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

Cjamangos neues Filmtagebuch




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Traute Zweisamkeit



Das Verhör (TV)

Kommissar Gallien (Lino Ventura) fährt in der Neujahrsnacht zum Polizeirevier, um einen dringend Tatverdächtigen in zwei Mordfällen zu vernehmen: Der angesehene Anwalt Martinaud (Michel Serrault) soll zwei kleine Mädchen vergewaltigt und getötet haben. Noch ist der Kommissar nicht restlos überzeugt von der Schuld des Mannes, aber eine durchwachte Nacht soll Klarheit schaffen...

Tja, völlig brillantes Kino! GARDE A VUE ist als Psycho-Kammerspiel angelegt, reduziert die Handlung fast vollständig auf den Verhörraum. Daß das Ergebnis spannender ist als die meisten anderen Krimis, liegt an der exzellenten Arbeit aller Beteiligten. Das Drehbuch – angefüllt mit fesselnden und in der deutschen Fassung stimmig übersetzten Dialogen – reicht dem Betrachter gerade genug Häppchen, um sich seine eigene Meinung über die in der Vergangenheit liegenden Verbrechen bilden zu können. Gleichzeitig bekommen die Schauspieler Gelegenheit, ihre Charaktere allein auf der Grundlage ihres Könnens mit vielen Nuancen auszustatten, die weit über den Erkenntnisgang eines herkömmlichen Polizeikrimis hinausgehen. Michel Serrault zeichnet seinen vermeintlich honorigen Bürger, der den hartgesottenen Polizisten Rede und Antwort stehen muß, als einen vorgeblich wetterfesten, tatsächlich aber höchst fragilen Zwangscharakter, der gelernt hat, mit den Skeletten in seinem Schrank zu leben. Der Esprit und der Witz, mit denen er versucht, die belastenden Argumente der Polizisten auszuhebeln, verdecken nicht die tief innewohnende Angst, die der Motor seines Handelns ist. Lino Venturas Kommissar steht vor dem Problem, diese Fassade zu durchbrechen, immer im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen. Venturas Pokerface verunsichert dabei nicht nur den Verdächtigen, sondern auch den Betrachter – handelt es sich bei seinen sorgsam komponiert erscheinenden Fragen um Tricks, um Finten, oder ist er wirklich so direkt, wie er zu sein vorgibt? Man merkt dem Film an, daß Regisseur Claude Miller (der mit Serrault im Jahr darauf in dem gleichermaßen hervorragenden DAS AUGE zusammenarbeiten sollte) ein vorzüglicher Schauspielerregisseur ist, der sich auch bei Stars nicht scheut, seine Richtung vorzugeben. Die Schauspieler danken es ihm mit vorzüglichen Leistungen. Die Gaststars Romy Schneider (Serraults Filmgattin) und Guy Marchand (Venturas jähzorniger Partner) sind gleichermaßen beeindruckend. Was die makellose Erzeugung von heftigen Gefühlen auf engstem Raum angeht, ist der Film mit Sidney Lumets DIE 12 GESCHWORENEN vergleichbar, bei dem ebenfalls eine von großen Spannungen bestimmte Figurenkonstellation den Zuschauer von Anfang bis Ende fesselt. Ein Film wie ein gutes Buch. Ganz große Klasse.




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