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Ich habe dir niemals einen Hasenbraten versprochen

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Tag der Frau



I Spit On Your Grave (2010) (DVD)

Als Meir Zarchis I SPIT ON YOUR GRAVE (aka DAY OF THE WOMAN) Ende der 70er Jahre herauskam, hatte er nicht viele Freunde, denn er brach viele Regeln. Die meisten davon hatten mit dem Format zu tun, das er verwendete. Das Verbrechen der Vergewaltigung in einem Film zu plazieren, war schon immer eine Übung von fortgeschrittenem Schwierigkeitsgrad. Kinozuschauer sind ja auch nur Menschen, und die neigen nun einmal dazu, dem Boten die Botschaft zu vergelten. „Iiih, pervers!" lautete meistens die Reaktion auf den Film. Daß es eigentlich die reale Vergewaltigung und die reale Mißhandlung eines Menschen ist, der dieses Prädikat zukommt, spielte da keine große Rolle. Hätte I SPIT ON YOUR GRAVE die Vergewaltigung „so nebenbei" geschildert, als kleinen dramaturgischen Leckerbissen, der dann die zugegebenermaßen primitive Rachegeschichte einleitet, die er erzählt, hätte sich kaum jemand daran gestoßen. Auch sehr beliebt in Hollywood sind die Quasi-Vergewaltigungen, die plötzlich zu einem leidenschaftlichen Liebesakt werden. Eigentlich eine wirklich perfide Art der Darstellung, denn die unterstellt unausgesprochen, daß die Frauen „es" alle wollen. Klar – welche Frau möchte nicht gedemütigt, geschlagen und mißhandelt werden?

I SPIT ON YOUR GRAVE nun kümmerte sich nicht um die gewohnten Formate. Selbst ausgewalzte Szenen wie jene in DEATH WISH 2 ließ er weit hinter sich. Er semmelte dem Betrachter das Verbrechen mitten ins Gesicht. Rezensenten von geringer Originalität reden dann häufig davon, daß sich der Film in solchen Bilder suhle. Klar, das machte er auch, gar keine Frage. Fakt ist aber, daß der Film gerade deshalb solchen Anstoß erregte, weil er den ausgetretenen Pfad verließ und das Reich des Schmerzes betrat. Die Mundwinkel wurden lang, wurden länger. Keine kleine Feierabendunterhaltung mit Vergewaltigung – no way, José. Der Film tat richtig weh. Daß er dies nicht aus intellektuellem Kalkül heraus tat und aus grundhumanistischer Gesinnung, ändert nichts daran, daß er die Leinwandabbildung des Verbrechens Vergewaltigung revolutionierte. Die Frau, die dies erleidet, setzt sich dann im zweiten Teil des Filmes zur Wehr, in aller Drastik. Einem Bösewicht wird sogar der Penis abgeschnitten, was zwar eklig anzuschauen ist, aber auch nur folgerichtig. Der Film machte in seinem Amoklauf klar Schiff. Er scherte sich einen Dreck um die Regeln, um Moral und Anstand. Er war ein kleiner, schmutziger Film, der von einer zerstörten Seele handelte.

Daß auch I SPIT ON YOUR GRAVE nun für eine Neuverfilmung herangezogen wurde, war abzusehen. Nach den sehr schlechten Remakes, die in letzter Zeit erfolgt sind, erwartete ich Schlimmes. Die Drastik der Gewaltszenen im Original noch zu übertrumpfen, wäre kaum möglich gewesen. Auch kommt hinzu, daß Gewaltpornographie in den Zeiten des Internets eine ganz andere Verbreitung besitzt. Wenn man im Netz über einen Gangbang-Porno stolpert, so besitzen die meisten davon keine wirkliche Dramaturgie. Waren die Fantasien, die Pornofilme erzählten, früher deutlich als solche gekennzeichnet, so werden die Spuren heute nach besten Möglichkeiten verwischt. Darsteller X rammt Darstellerin Y seinen Riesenkolben in den Mund, bis sie kotzt. Es geht nicht mehr um Rollen, es geht häufig nur noch um die überaus reale Mißhandlung von Menschen. Abgründe der Leidenschaft? Abgründe ja, Leidenschaft nein.

I SPIT ON YOUR GRAVE ist ein Anti-Porno, auch wenn seine Feinde das Gegenteil behaupten werden. Er gibt den Geschehnissen ihre Dramaturgie zurück, er gibt ihnen den Schmerz zurück. Daß er dabei nicht ganz so amoralisch und bedenkenlos dabei zu Werke geht wie einst der Vorgänger, liegt vermutlich daran, daß sich die Sensibilitäten verändert haben. Ich betrachte es aber als Glücksfall, daß sich die explizite Bewertung der Vorgänge in Grenzen hält. Vermutlich wird es auch diese Zurückhaltung sein, die irgendwann zu seiner Beschlagnahme führen wird, aber sie ist es auch, die ihm seine Bauchwirkung sichert. Die letzte Einstellung des Filmes ist durchaus vieldeutig. Man weiß nicht, ob die Protagonistin nach der Vollziehung der Rache nun befriedigt ist. Die lange Einstellung lädt ein zur Reflexion. Man wird beunruhigt entlassen, anders als in so vielen Hollywood-Filmen zum Thema, etwa dem Jodie-Foster-Film ANGEKLAGT, in denen sich die Leute am Schluß in die Arme fallen, weil das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Besser fand ich schon immer die Herangehensweise von EXTREMITIES, der nur verletzte Menschen hinterläßt. I SPIT ON YOUR GRAVE liefert kaum Möglichkeiten, sich vom Geschehen zu distanzieren. Er wirkt eher so, als wolle er dem Zuschauer einen nach dem anderen über den Schädel ziehen, mitten auf die Zwölf. Fast schon störend wirkt es da, daß man bei der Wahl der Bestrafungen in die SAW-Ecke schielt und der Protagonistin eine Menge Einfallsreichtum zugesteht, der auch Wiederaufnahmen zu den begangenen Untaten einschließt. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Penis um Penis. Letzteres in der deutschen Fassung bitte streichen!

Und da wären wir auch schon bei der deutschen Fassung. Der Vergewaltigungskomplex, mit all seinen Darstellungen sexualisierter Gewalt, wurde nur an zwei Stellen gekürzt. Bei der Rache dann schalten die Zensurscheren in den Overdrive. Warum das so sein muß, kann jeder für sich selbst entscheiden. Zumindest den appen Dödel hätte ich dringelassen, zumal dies eine Bezugnahme auf Vorangegangenes ist, die wirklich Sinn ergibt. Daß Selbstjustiz in der Realität inakzeptabel ist, sollte jedem einigermaßen vernünftigen Zuschauer klar sein. Doch Filme sind keine Realität, sie schaffen Fantasien. Und Fantasien sind selten hübsch oder artig. Sie sind eher das, was man aus Gründen der gesellschaftlichen Kompatibilität in einem dunklen Kämmerlein wegsperrt.

Man sollte sich übrigens auch bei der deutschen Verleihfassung sehr genau überlegen, ob man sie sich antun möchte. Die Grausamkeit ist massiv, der moralische Gewinn fraglich. Ein „Iiih, pervers!" würde ich aber nicht gelten lassen, denn der Film stellt die Mißhandlung von Frauen durch Männer so eklig dar, wie es dem Tatbestand angemessen ist. Hier schlägt die Frau allerdings zurück. Und das tut sie gründlich. Das ist abstoßend, das ist primitiv, aber das ist auch menschlich nachvollziehbar. Eine befriedigende Lösung offeriert der Film nicht wirklich, aber was für eine Lösung böte sich da an? Das Remake von I SPIT ON YOUR GRAVE verfehlt die subversive Wucht des Originals. Dazu ist er zu intelligent und zu kalkuliert gemacht. Aber er gibt dem Thema seine Dramaturgie zurück. Er setzt die Abbildung von sexueller Gewalt in Beziehung zu menschlichen Geschichten. Statt Darstellerin Y haben wir hier eine Darstellerin, die Darstellerin Y spielt, und sie macht Schluß im Quadrat. Und allein dafür breche ich für den Film eine Lanze. Genau wie Darstellerin Y.




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