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Ornament & Verbrechen Redux

There is no charge for awesomeness. Or beauty.




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Die Ökonomie der Körper



Hable con ella

"Gibt es Menschenleben, die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben, daß ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?"*

Es ist 1920. Der Jurist Binding und der Psychiater Hoche stellen diese Frage und wer solche Fragen stellt, will seine Antworten unters Volk bringen. Ihre Antwort lautet ja, denn die "Blödsinnigen" und "geistig Toten", wie sie sie nennen, würden eine wirtschaftliche und moralische Belastung des Volkskörpers darstellen.
Hoche und Binding gaben mit ihrem Buch den geistigen Hintergrund ab für die Vernichtungsaktion T4. Zum Opfer fielen diesem Töten mehr als 200 000 geistig Kranke und Behinderte, in der Nomenklatur der Täter auch "leere Menschenhülsen" genannt.

Es ist 2002. Zwei Männer, der Journalist Marco und der Krankenpfleger Benigno, kommen aus dem Krankenhaus, in welchem die Tänzerin Alicia im Koma liegt. Benigno eröffnet Marco, daß er Alicia heiraten möchte. Marco, dessen Freundin Lucia ebenfalls im Koma liegt, entgegnet voller Wut: „Man redet doch auch mit Pflanzen, aber deshalb heiratet man doch keine.“
Eine Szene aus dem Film Hable con ella - Sprich mit ihr, komponiert von Pedro Almodovar, der sich in letzter Zeit angenehm vom Stil seiner Filme am Rande des Nervenzusammenbruchs entfernt hat. Mit seinem neuesten, intellektuell und emotional stimmigen Werk entgegnet Almodovar mit achtzigjährigem Abstand den von Binding und Hoche veröffentlichten Behauptungen.

"Sie haben weder den Willen zu leben, noch zu sterben."

Die Vermutung, ob komatöse Patienten einen Lebenswillen haben, kann man weder bejahen noch verneinen. Durch die Konstruktion der Geschichten um Alicia und Lucia legt Almodovar nahe, daß auch Menschen mit nichterkennbarer rationaler Äußerung einen Willen zu leben haben. Lucia, mit der Marco nicht sprechen, ja sie noch nicht mal anfassen kann, stirbt im Laufe der Handlung, während Alicia, der Benigno alle seine Erlebnisse berichtet und ihr ein Bild mit einer Widmung von Pina Bausch zeigt, am Ende aus dem Koma erwacht. Sicher ist sich natürlich auch Almodovar nicht, es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem mitmenschlichen Kontakt und dem Verlauf des Komas, dennoch schlägt sich Almodovar im Zweifelsfalle auf die humanistische Position.

"Ihr Leben ist absolut zwecklos,... ."

Diese Behauptung entspringt einer ökonomischen Rationalität, die den Menschen nur als Erzeuger eines wirtschaftlichen Gewinnes wahrnimmt und nicht gewinnbringende Menschen als Unkosten betrachtet. Der Volksmund hat diese Logik in dem Spruch „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ verarbeitet Almodovar betont dagegen die Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen, der er ein größeres Gewicht als dem ökonomischen Aspekt verleiht. Benigno lebt nach dem Tod der Mutter allein und einsam. Das Koma von Alicia verändert sein Leben. Er geht in Tanzaufführungen, um Alicia danach darüber zu berichten. Er hat einen geliebten Menschen, dem er seine Wünsche und Sorgen berichten kann. Vielleicht hat er sogar das einzige Mal in seinem Leben Sex. Obwohl man das nicht so genau weiß, weil diese Szene eine grandiose Allegorie ist, in der ein Stummfilm und eine Lavalampe mehr Sexualität transportieren als aller Fleischsport der Pornoindustrie zusammen. Auf jeden Fall erfährt Benigno eine unglaubliche Bereicherung in seinem Leben durch die Pflege von Alicia.

"Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke,... ."

Um Bereitschaft zum Töten zu erreichen, muß man die realen Personen entmenschlichen. Häufig werden Vergleiche mit Pflanzen oder Tieren gezogen, der Körper wird als unbewußter Zellhaufen dargestellt. So begegnet uns auch Alicia in ihrer ersten Szene, als Benigno ihr von seinem Besuch in Pina Bauschs Tanzstück „Cafe Müller“ berichtet. Doch Almodovar zeigt die Vergangenheit der komatösen Frauen und, in Alicias Fall, die Zukunft. Er hebt dadurch die Abstraktion der bewußtlosen Körper auf, die ungeachtet ihres jetzigen Zustandes Menschen waren mit Angehörigen, Freunden, Bekannten. Und in deren Leben reißt der Tod sehr wohl eine Lücke.

Es ist 2002. Marco zieht am Ende des Filmes in Benignos Wohnung, lernt Alicia kennen und nimmt so den Platz des toten Benigno ein. Ein Hoffnungsschimmer, daß sich seine Meinung über die „human vegetables“ geändert hat. Ein Hoffnungsschimmer in Zeiten der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitswesens und des weltweiten Vorstoßes der Befürworter aktiver Sterbehilfe.

P.S.: Einziger Schwachpunkt des Filmes ist das bisweilen fehlende Vertrauen in die Fähigkeit des Zuschauers, der nichtlinearen Handlung folgen zu können. So werden Personen und Zeitabfolgen durch Untertitel überdeterminiert, was den Filmfluß etwas behindert hat.

*die kursiven Stellen sind der Schrift von Binding und Hoche„Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ entnommen

Zuerst gepostet auf kino.de am 17.8.2002