

MERRY CHRISTMAS MR. LAWRENCE (Nagisa Ôshima/UK, J 1983)
von Funxton ·
07 Juni 2010
Kategorie:
Kriegsfilm,
Drama
Aufrufe: 767
"Today, I am Father Christmas."
Merry Christmas Mr. Lawrence ~ UK/J 1983
Directed By: Nagisa Ôshima
Java, 1942. Captain Yunoi (Ryûichi Sakamoto), ein pathologisch-gradliniger Perfektionist, befehligt ein japanisches Lager für aliierte Gefangene. Yunoi und sein oberster Sergeant Hara (Takeshi Kitano) halten die weißen Gefangenen für Schwächlinge, weil sie, anstatt rituellen Selbstmord zu begehen, ihre Gefangenschaft erdulden. Seine Mentalitäts- und Kraftduelle mit dem japanophilen britischen Offizier Lawrence (Tom Conti) gehen zumeist glimpflich aus, weil Lawrence in beiden Geisteswelten, der europäischen und der ostasiatischen, heimisch ist und Yunois Wesen somit zu nehmen weiß. Als dann jedoch der verurteilte Partisanenausbilder Cellier (David Bowie) ins Lager kommt, ist Yunoi mit seiner Weisheit am Ende. Cellier ist ein Musterbeispiel an Aufsässigkeit, Sturheit und Willenskraft, aber ebenso auch an Vernunft und Integrität - dass er dabei gleichfalls "nur" ein barbarischer Abendländer und Feind ist, kann Yunoi nicht verkraften.
Weniger ein Kriegsfilm denn eine Parabel über den gewaltsamen Aufprall zweier sich grundlegend unterscheidender Geisteshaltungen. Für die sittlich extrem gestrafften japanischen Soldaten sind Beugsamkeit und Gefangennahme schlimmer als Tod und Verdammnis, die vornehmlich britischen Soldaten interessiert vielmehr ein voller Magen und die verbleibende Zeitspanne bis zu ihrer Befreiung. Was die eine Front als völlig irrational empfindet, ist für die andere existenziell - durch die situationsgegebene Feindschaft vergrößern sich die Kommunikationsstörungen indes noch. Ausgerechnet der ohnehin stets seltsam ätherisch wirkende Bowie (dessen Rolleninitialen als Jack Cellier nicht von ungefähr die Christi sind) tritt schließlich als opferungswilliger Heiland auf, der eine Massenhinrichtung in letzter Sekunde verhindert, indem er die unfassbarste, aber einzig probate Reaktion gegenüber Yunois homoerotisch gefärbter Hassfaszination ihm gegenüber demonstriert. Ein wunderbarer Moment, einer der stärksten im Kino der achtziger Jahre. Was übrigens für den gesamten Film gilt. "Merry Christmas Mr. Lawrence" zeigt sich als meditative Abhandlung über die wesentliche Unmöglichkeit, würdevoll gegeneinander kämpfen zu können, wenn man noch nichtmal die Beweggründe seines Rivalen zu begreifen in der Lage ist. Ein sehr differenter, nichtsdestotrotz überaus kluger Ansatz für einen Film dieses Sujets.
9/10
WWII Nagisa Ôshima POW Pazifikkrieg
Merry Christmas Mr. Lawrence ~ UK/J 1983
Directed By: Nagisa Ôshima
Java, 1942. Captain Yunoi (Ryûichi Sakamoto), ein pathologisch-gradliniger Perfektionist, befehligt ein japanisches Lager für aliierte Gefangene. Yunoi und sein oberster Sergeant Hara (Takeshi Kitano) halten die weißen Gefangenen für Schwächlinge, weil sie, anstatt rituellen Selbstmord zu begehen, ihre Gefangenschaft erdulden. Seine Mentalitäts- und Kraftduelle mit dem japanophilen britischen Offizier Lawrence (Tom Conti) gehen zumeist glimpflich aus, weil Lawrence in beiden Geisteswelten, der europäischen und der ostasiatischen, heimisch ist und Yunois Wesen somit zu nehmen weiß. Als dann jedoch der verurteilte Partisanenausbilder Cellier (David Bowie) ins Lager kommt, ist Yunoi mit seiner Weisheit am Ende. Cellier ist ein Musterbeispiel an Aufsässigkeit, Sturheit und Willenskraft, aber ebenso auch an Vernunft und Integrität - dass er dabei gleichfalls "nur" ein barbarischer Abendländer und Feind ist, kann Yunoi nicht verkraften.
Weniger ein Kriegsfilm denn eine Parabel über den gewaltsamen Aufprall zweier sich grundlegend unterscheidender Geisteshaltungen. Für die sittlich extrem gestrafften japanischen Soldaten sind Beugsamkeit und Gefangennahme schlimmer als Tod und Verdammnis, die vornehmlich britischen Soldaten interessiert vielmehr ein voller Magen und die verbleibende Zeitspanne bis zu ihrer Befreiung. Was die eine Front als völlig irrational empfindet, ist für die andere existenziell - durch die situationsgegebene Feindschaft vergrößern sich die Kommunikationsstörungen indes noch. Ausgerechnet der ohnehin stets seltsam ätherisch wirkende Bowie (dessen Rolleninitialen als Jack Cellier nicht von ungefähr die Christi sind) tritt schließlich als opferungswilliger Heiland auf, der eine Massenhinrichtung in letzter Sekunde verhindert, indem er die unfassbarste, aber einzig probate Reaktion gegenüber Yunois homoerotisch gefärbter Hassfaszination ihm gegenüber demonstriert. Ein wunderbarer Moment, einer der stärksten im Kino der achtziger Jahre. Was übrigens für den gesamten Film gilt. "Merry Christmas Mr. Lawrence" zeigt sich als meditative Abhandlung über die wesentliche Unmöglichkeit, würdevoll gegeneinander kämpfen zu können, wenn man noch nichtmal die Beweggründe seines Rivalen zu begreifen in der Lage ist. Ein sehr differenter, nichtsdestotrotz überaus kluger Ansatz für einen Film dieses Sujets.
9/10
WWII Nagisa Ôshima POW Pazifikkrieg