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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0





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THE KILLING OF SISTER GEORGE (Robert Aldrich/USA 1968)



"Some people prefer two eggs but I think one's enough."

The Killing Of Sister George (Das Doppelleben der Sister George) ~ USA 1968
Directed By: Robert Aldrich

Nobody wants you when you're down, old and ugly - diese böse Erfahrung macht die alternde Londoner Actrice June Buckridge (Beryl Reid), die seit Jahren in der beliebten Langzeit-TV-Soap "Applehurst" die Krankenschwester George spielt. Als die BBC, im Speziellen die Directrice Mercy Croft (Coral Browne), Junes Rolle aus der Serie streichen und sie somit herausmobben will, hat man leichtes Spiel: Infolge der fragilen Beziehung mit ihrer Freundin Alice (Susannah York), um deren Fortbestand June tagtäglich fürchtet, flüchtet sie sich nämlich mit zunehmender Regelmäßigkeit in den Suff und macht dann schonmal unsittlich ein paar junge Nonnen an. Als die sich betont konservativ gebende Croft ihre eigene Leidenschaft für Alice entdeckt, ist June endgültig verloren.

Wiederum Bahnbrechendes von Aldrich, das ähnlich wie der unmittelbar zuvor gefertigte "The Legend Of Lylah Clare" bereits jene gleichermaßen zynische und desillusionierte Sicht des Regisseurs auf die Dinge des Lebens vorwegnimmt, die sein gesamtes Spätwerk bestimmen soll. Allein die beiläufig wirkende Darstellung des Londoner Lesbierinnen-Milieus in Zeiten, da die Filmkategorie 'Queer Cinema' in etwa so utopisch angemutet haben dürfte wie Tablets, nimmt sich revolutionär aus; So here Aldrich finally got, allein unter Frauen, die keine Männer (mehr) brauchen. Ohne auch nur den geringsten Schritt in Richtung Denunziation oder Feme zu unternehmen berichten Stück und Script von einer rein weiblichen Dreiecksbeziehung, an deren bösem Ende einzig der Karrierismus der Jüngeren den Stutenkampf der beiden Älteren bestimmt.
Coral Browne, die bereits in "Lylah Clare" eine wütende Matriarchin darzustellen hatte, ist wiederum fantastisch als alte Redaktionshexe mit bourgeoiser Maske und verdrängter Sexualität, derweil die noch unglaublichere Beryl Reid bis zur Selbstaufgabe eine der monumentalsten Frauenfiguren präsentiert, der ich je das erquickliche Vergnügen hatte, im Film zuzusehen. Schauspiel- und Auteurkino von allerhöchsten Himmelsgnaden ist das zutiefst berührende Resultat. Und: Aldrich at his very finest for sure.

10/10

Robert Aldrich Fernsehen London based on play Skandalfilm Alkohol Homosexualität



Hoffe da ja mal auf eine Veröffentlichung hierzulande.

Interessanterweise sehe ich es in puncto Aldrich und Weltsicht genau andersrum. Gegen Ende wird er mit DIE HÄRTESTE MEILE, DIE CHORKNABEN, EIN RABBI IM WILDEN WESTEN und KESSE BIENEN AUF DER MATTE immer versöhnlicher, wohingegen die durchgehend und ungebrochen düstere Weltsicht mehr bei Frühwerken wie HOLLYOOD-STORY, RATTENNEST und ARDENNEN 1944 zu finden ist.
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Nachdem ich "Sister George" im Original geschaut habe, glaube ich nicht, dass ich mir den noch jemals deutsch synchronisiert ansähe. Aber für die allgemeine Verfügbarkeitspraxis hierzuland wär's natürlich schon gut, wenn er mal käme, klar. Zumal MGM ihre Lizenzen ja gern unters Volk streuen...

Ansonsten finde ich "Ulzana's Raid", "Hustle", "The Choirboys" und auch "Twilight's Last Gleaming" schon verdammt altersbissig. Die beiden letzten Filme kenne ich zu meiner Schande überhaupt noch nicht.
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Ja, seinen Biss hat Aldrich nie verloren. Das zeichnet ihn auch im Vergleich zu vielen anderen Regisseuren aus, die zum Ende etwas im Formalismus erstarrten. Aber er verdichtet nicht mehr so krass wie in den 50ern. Als er in den 60ern die Struktur seiner Filme änderte, hat er zunehmend differenziertere Blicke gestattet, wenn natürlich auch immer noch von seinem Zynismus durchdrungen. Selbst der ultra-düstere STRASSEN DER NACHT ist von der Melancholie eines poetisch-französischen Stils eines Marcel Carné durchdrungen. Bei HOLLYWOOD-STORY und insbesondere bei RATTENNEST und ARDENNEN 1944 gibt es solcherlei Zwischentöne kaum. Durch die aufgebrochene Struktur ab WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JANE? hat Aldrich sowieso nie wieder zu diesem konzisen Stil zurückgefunden. Das mag seine Filme auf den ersten Blick komplexer machen, aber raubt ihnen auch ein wenig den "Schlag-in-die-Fresse"-Effekt. Die Filme ab Beginn der 60er sind eher ein Changieren zwischen Zuckerbrot und Peitsche.
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Das ist richtig. Ich persönlich mag sowohl seinen unerbittlichen frühen Stil gern als auch seine spätere Neigung zu Camp und Empathie. Man kann das ja so oder so betrachten: Einerseits gibt es in manchen seiner früheren Filme wenig Platz für aufklärerische Öffnung im Sinne figuraler, auratischer Durchdringung, andererseits gestatten ihm seine differenzierten Charakterisierungen in den späteren Filmen umso bittere soziale Momentaufnahmen.
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Das ist mal wieder eins dieser Probleme, das mich für den Rest der Woche beschäftigen wird: Ich kenne "Sister George", und ich weiss nicht mehr, woher. Ich könnte nicht einmal mehr sagen, ob er mir gefallen hat. Und darum will ich ihn unbedingt sehen. Jetzt! :motz:
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Funxton

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