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Jener Sommer, das ruhigste Meer

Noruberutos zusammengewürfelte Bemerkungen zum Film und die damit zusammenhängenden Gegenstände

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Fuefukigawa


笛吹川 / Der Fluss Fuefuki // Keisuke KINOSHITA // J 1960

Kinoshitas mit einigen formalen Experimenten spielender Historienfilm beschreibt das wechselvolle Schicksal einer japanischen Bauernfamilie in 16. Jahrhundert, einer Zeit permanenter kriegerischer Auseinandersetzungen diverser Fürstenhäuser. Die Geschichte scheint sich immer wieder zu wiederholen: alle männlichen Sprösslinge der Familie wollen ihr bäuerliches Dasein hinter sich lassen und für ihren Daimyo in die Schlacht ziehen. Auf dem Acker werden die Bauern alt. Diesem eintönigen Schicksal zu entfliehen versuchend, das Idealbild des strahlenden Samurai vor sich habend, bleiben sie auf dem Schlachtfeld jedoch immer noch... Bauern. Der wechselvollen Gunst und den Launen des Fürsten ausgesetzt, zieht eine Frau ihre Konsequenzen, schnappt über und belegt den Fürsten mit einem Fluch. Dieser wird sich am Ende auch erfüllen...

Kinoshitas Darstellung ist dabei von zwei ästhetischen Besonderheiten geprägt. Einmal die experimentelle Verwendung von Farblinsen oder Folien, welche wohl dazu gedacht war, besondere Stimmungen hervorzuheben bzw. zu unterstreichen. Das ist aber nur bedingt als geglückt zu bezeichen und wird glücklicherweise im Verlauf des Films auch nur spärlich eingesetzt. Viel besser funktioniert da schon der monotone Wechsel zwischen den beiden Hauptschauplätzen der Darstellung: auf der einen Seite die über Jahrzehnte und Generationen immer gleiche, ärmliche Behausung der Familie bei der Brücke am Fluss. Auf der anderen Seite die immer gleichen Schlachten, die trotzt ihrer offensichtlichen Sinnlosigkeit ihre Anziehungskraft auf die Bauern nicht verlieren. Langsame horizontale Kamerabewegungen, denen ebensolche Bewegungen innerhalb des Bildausschnitts entsprechen, eröffnen weite Räume. Die Darstellung der Familiengeschichte über die Generationen hinweg ist atmosphärisch dicht, bleibt aber distanziert. Die Soldaten, ganz zu schweigen von den Fürsten, bleiben anonym.

Am Ende dann die zu späte Einsicht, dem Schicksal zu entgehen. Das Ende der heißblütigen Bauern-Samurai ist fatalistisch. Das der Mönche gleichmütig ob des dahinfließenden Daseins, im dahinströmenden Fuefuki symbolisiert. Ein eigenwilliger Historienfilm Kinoshitas, der wohl als einer der vielseitigsten Regisseure des klassischen japanischen Films der 1950/60er Jahre gelten kann.

Kinoshita Hideko Takamine Farbgestaltung Schlacht Wahnsinn Samurai


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Outrage


アウトレイジ / Autoreiji // Takeshi KITANO // J 2010
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Nach einigen experimentellen, selbstreflexiven Filmen also wieder mal ein Film in dem Genre, das Kitano beim westlichen Publikum, Fans wie Kritikern, berühmt und beliebt gemacht hat. In seit Fukasakus Arbeiten gewohntem Terrain: Die Verstrickungen der Yakuza mit Polizei und Politik bzw. Diplomatie. Wie so oft bei Kitano laufen die Dinge aus dem Ruder, so auch hier, als die Auseinandersetzungen mehrerer Yakuza-Clans vom Kaicho ("Ehrenvorsitzender"), dem alterwürdigen Oberboss der Hauptfamilie, eiskalt ausgenützt werden, um sich unliebsame Nachfolger vom Hals zu schaffen, die schon an seinem Sessel sägen.

Das funktioniert zunächst auch sehr gut, was zunächst nur als Geplänkel im Bruderzwist gedacht war, hat bald mörderische Konsequenzen. Doch wie schon bei Violent Cop die Protagonisten austauschbar waren, und sofort neue Köpfe in den diversen Hierarchieebenen der Unterwelt bzw. des Polizeiapparates aufrückten, so ist es auch in Outrage ähnlich: gerade der aalglatte Polizist, der sich von den Gangstern bezahlen lässt, und von dem man am Anfang des Films denkt: der macht es nicht lange, bleibt am Ende als "Gewinner" übrig. Auf der anderen Seite ist ein unscheinbarer Yakuza, dem man es eigentlich nicht zugetraut hätte, der neue Kaicho.

Was den Film aber, bei aller Kontinuität zu früheren Arbeiten Kitanos, radikal auszeichet, ist eine unglaubliche Reduktion der Darstellung: enge Räume, graue, schäbige Büros und Nachtclubs, in denen sich die Protagonisten in ihren mehr oder weniger guten Anzügen (es empfiehlt sich immer, bei Yakuzafilmen auch auf so was zu achten) bewegen. Außenaufnahmen sind selten, weite Räume gibt es nur in Nacht und Nebel gehüllt (einzige Ausnahme: der offene blaue Himmel, bezeichnenderweise über dem Gefängnishof). Die Nahaufnahmen der Gesichter, die Gesten der auf ihre Bosse Wartenden (Kitanos Gesichtsmuskulatur noch eine Spur wirkungsvoller) und die wie immer kurz und knackig, dafür um so intensiver inszenierten Gewaltexzesse, sind hier noch intensiver umgesetzt als früher.

Gleichzeitig das beständige Gefühl, hier es mit einer einzigen Stilübung zu tun zu haben (viele bekannte Gesichter des zeitgenössischen japanischen Genrefilms sind versammelt, Ren Osugi fehlt leider), zumal es eigentlich keinen wirklichen spannenden Handlungsablauf gibt, bloß eine Abfolge von unausweichlichen Ereignissen in der sich drehenden Gewaltspirale. Die Dekonstruktion des klassischen Yakuzafilms, nach der eigentlich alles gesagt ist? Angesichts der Fortsetzung Outrage Beyond, zwei Jahre später entstanden und Kitanos bis dato schwächster, unnötigster Film, eine durchaus brauchbare These.

Kitano Ryo Kase Renji Ishibashi Yakuza Zahnarzt Nintendo DS Nudelsuppe begrenzter Raum


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MHT: The Dark Eyes of London


Der Würger / Die toten Augen von London
Walter Summers
GB 1939

Der sinistre Versicherungsmakler Orloff (Bela Lugosi) hat eine geniale Geschäftsidee, die er über eine Art Scheinfirma (ein Heim für Blinde) abwickelt. Problem: Das ganze ist nicht nur illegal, sonder mörderisch. Die Londoner Polizei wird ob des Fundes von immer mehr Toten in der Themse hellhörig und zieht sogar einen US-amerikanischen Detective hinzu. Der ermittelt hinfort mit seinem britischen Kollegen, nach und nach kommen sie dem Versicherungsmakler, dessen Kunden alle "by strange coincidence" im Wasser das Zeitliche segnen, auf die Schliche.

Der Film wurde seinerzeit offensichtlich als Horrorfilm vermarktet (amerikanischer Verleihtitel: "The Human Monster"), was allerdings einigermaßen problematisch ist: Das "Werkzeug" des Maklers ist ein verunstalteter Krüppel, der (wie übrigens auch die Blinden) des öfteren zombiemäßig durch die Kulissen wankt. Der Quasimodo jedenfalls zeigt am Ende noch Gefühl und Gewissen, was man von seinem Meister nicht behaupten kann, den daraufhin auch sein gerechtes Schicksal ereilt...

Insgesamt und von heutigen Maßstäben gesehen eher ein Krimi als Horror, bietet der Film doch immer noch einige recht schockierende Szenen, etwa als Orloff (seine attraktive, schlipstragende Sekretärin ist übrigens stumm) keine Skrupel hat, einem bettlägrigen blind-stummen Patienten auch noch den Gehörgang zu zerstören. Gedreht nach einer literatischen Vorlage von Edgar Wallace, funktioniert dieser Film allerdings völlig anders als die kultige deutsche Krimireihe, die Wallace zum Vorbild hat. Insgesamt schafft es der Film durchaus, mit beengten Raumverhältnissen und gewissen Details Atmosphäre und Spannung zu erzeugen. Die Verbindung von Horror mit dem Thema Behinderung ist allerdings wie gesagt nicht unproblematisch.

Walter Summers Bela Lugosi Greta Gynt Behinderung Raumgestaltung Magical History Tour


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La métamorphose des cloportes


Ganoven rechnen ab // Pierre Granier-Deferre // F 1965

Eingefügtes Bild

Es sah ganz nach einem einfachen Tresorknack aus, doch der Protagonist Alphonse ward von Anfang an getäuscht. Das unterfangen des Quartetts (plus Hintermann) geht schief. Nur Alphonse wird geschnappt. Vier Jahre hinter Gittern, sinnt er auf Rache. Wieder frei, eben der gnadenloser Rachefeldzug: die Welt hat sich geändert, und ist doch dieselbe geblieben. Dreimal geht es nach seinen Vorstellungen, wie man Kellerasseln unterm Absatz zertritt. Doch dann, die Zeiten haben sich wahrlich geändert, jemand der noch smarter ist. Diesmal 20 Jahre, wieder Sinnen auf Rache...

Sofort Assoziationen zu Rififi, Bob le flambeur, Le doulos (von der Musik her auch zu : Ascenseur pour l’échafaud). Hier gewissermaßen die exploitaiton-Variante des Themas, der Themen. Genialer Zeitraffer der Gefängniszeit: Wochenschau. Moderne Kunst als Metapher für den Zeitenwandel. Ein paar Jahre nur, soviel hat sich geändert, wie wird es in 20 Jahren sein? Die Moral von der Geschicht: alles ändert sich, doch soviel auch wieder nicht...

Subjektive Kamera. Ventura und Aznavour. Gangster moderne. Dazu die Musik des genialen Jazzorganisten Jimmy Smith. Ein seltsam-wunderliches Kleinod.



Granier-Deferre Ventura Aznavour Irina Demick Jimmy Smith Jazz Gangster Rache POV Frankreich


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Magical History Tour: Alexander Newski


Alexandr Nevskii / Алекса́ндр Не́вский
Sergei Eisenstein
Sowjetunion 1938

Mitte des 13.Jahrhunderts ist Russland teilweise von Mongolen besetzt, auch die Tartaren machen als Teil der Goldenen Horde des Russen Ärger. Doch die eigentliche Gefahr naht aus dem Westen in Form deutscher Ritterorden, welche russische Städte einnehmen und die Bevölkerung terrorisieren und unterjochen. Unter der Führung von Alexander Newski wird zum Gegenschlag ausgeholt, welcher in der legendären Schlacht vom Peipussee am 5.April 1242 kulminiert.

Sowohl die Vorgeschichte als die Schlacht selbst wird in unglaublich intensiven, gleichzeitig minimalistischen wie detailreichen Bildern dargeboten. Es ist nicht einmal so sehr die Montagetechnik im Wechsel von Nahaufnahme und Totalen, die Eisenstein berühmt gemacht hat, als die Gestaltung der einzelnen Einstellungen selbst, welche hier wirkt: nie wird nur ein Bildelement gezeigt, sonder immer zumindest zwei, meistens aber sogar drei Bildebenen (wohlkomponiert in Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund) sind bedeutungsvoll. Lanzen, Felsen,Glocken, Kruzifixe, Kirchtürme, Galionsfiguren, Bäume, Standarten, Eis und Schnee, Knochen, Helme und Schilder, Wolken, (tote) Soldaten und Pferde bilden ein einmal statisches, dann wieder wogend-bewegtes Ensemble, welches eine unglaubliche Raumwirkung entfacht.

Besonders die zentrale Schlacht auf dem zugefrorenen See, auf welchem die Heere aufeinandertreffen, entwickelt mit diesem Wechsel der Einstellungen und der Bildgestaltung in den einzelnen Bildern selbst eine starke Wirkung. Die Kamera und somit der Zuseher ist mitten drin im Geschehen, als sich die Schlacht vom ersten wogenden Aufeinanderprallen der Gegner bis hin zu einem frenetischen Gemetzel in wilder Raserei steigert. Mit Sicherheit eine der bedeutensten Schlachtendarstellungen der Filmgeschichte, wohl gerade weil sie so vollkommen anders inszeniert ist als alle modernen computergenerierten Schlachtengetümmel. Dazu die Filmmusik von Prokowjew, die stellenweise mit ihren grotesken Klängen überhaupt nicht zur Handlung passend erscheint. Am intensivsten Dann die Momente, als die Musik jäh abbricht und nur noch das Schlachtengetümmel zu hören ist.

Eiensteins Film folgt ganz der stark stilisierten, nationalistischen Bedeutung, welcher Newski als Volksheld und Nationalheiliger hat. Interessant dabei die zeithistorische Brisanz des Stoffes als antideutsche Propaganda, nur kurzfristig unterbrochen von der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes, als für den Film sogar ein Aufführungsverbot galt, bis der Kriegsverlauf dem Werk erneut Propagandafunktion zuteil werden ließ. Dessen ungeachtet ist Alexander Newski natürlich ein ganz großer Klassiker, der unter anderem Akira Kurosawa, Stichwort Sieben Samurai, ganz entscheidend beeinflusst haben dürfte.

Eisenstein Historienfilm Schlacht Raumgestaltung Nikolai Tscherkassow Prokowjew Magical History Tour


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Magical History Tour: Premiere


Géza von Bolváry // Österreich 1937

Während einer glamourösen Revue-Show wird ein im ganzen Theater unbeliebter Financier erschossen, gut getarnt gerade in dem Augenblick, als auf der Bühne eine "Pistolennummer" in Szene gesetzt wird. Ein gerade anwesender Polizeikommissar nimmt sich daraufhin sofort der Sache an und beginnt mit den Ermittlungen. Verdächtige rund um eine alternde Diva, die kein Engagement für die Revue mehr bekommen hat und die Bühne für eine andere räumen musste, gibt es so manche. Dem Kommissar gelingt es schließlich aufgrund guter Beobachtungsgabe und geschickter Interpretation den Fall elegant zu lösen.

Auf die, im übrigen (mit einer Ausnahme) äußerst lineare und schnörkellose (was in diesem Fall aber alles andere als negativ zu werten ist) Handlung soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Zumal es nicht so sehr der Plot, als die wirklich gelungene Inszenierung ist, welche den Film zu einem kleinen (vergessenen?) Klassiker macht. Der Hauptaspekt dabei ist, dass der gesamte Handlungsverlauf sozusagen in "Echtzeit" stattfindet, auf der Bühne sowohl als Backstage. Der Zuschauer ist somit bei allen Ereignissen (außer dem Mord) "live" dabei - Im Zuschauerraum, in der Garderobe, in den Logen, hinter der Bühne bei den Technikern, in den Gängen des Theaters, im Büro des Direktors. Dabei wechseln sich die - allein schon für sich sehenswerten - Revuenummern, die teilweise schon fast eine surreale Ebene haben, mit den Ermittlungen hinter der Bühne ab. Dann ist die gerade auf der Bühne ablaufende Nummer als Hintergrundmusik zu hören - eine einfache wie geniale Idee, grandios umgesetzt.

Man hat es bei Premiere also mit einer eigenartigen Mischung aus Revuefilm und Krimi zu tun, der zudem noch mit einigem Klaumauk (ein hektisch-schlacksig herumwerkender, Stakkatoreden absondernder Theo Lingen) durchsetzt ist, was theoretisch eigentlich überhaupt nicht zusammengeht, hier aber wirklich gut funktioniert. Die Rollen sind in etwa gleich mit deutschen und österreichischen Schauspielergrößen der Zeit besetzt. Über allen Darstellern thront die einzigartige Zara Leander, hier in ihrem ersten deutschsprachigen Film.

Was den Film weiters - neben der schon erwähnten "real-time" Erzählstruktur - inszenatorisch auszeichnet, ist die Raumgestaltung, welche mit winzigen Ausnahmen ausschließlich im Theater stattfindet. Die Revuenummern selbst sind ein optischer Höhepunkt, sowohl das Geschehen auf wie hinter der Bühne wird mit einigen ungewöhnlichen Kameraperspektiven von Franz Planer in Szene gesetzt. Weder an Bild noch am Ton gibt es etwas auszusetzen, Premiere mag als ein Musterbeispiel für den vollends etablierten Tonfilm gelten. Hier wirkt wirklich nichts altbacken oder antiquiert, manche Filme aus den 1980ern wirken im Vergleich altmodischer. Ein Film aus der "guten, alten Zeit" der Wiener Rosenhügel-Filmstudios.

Für mich eine wirkliche Neuentdeckung, welche ohne dem Rahmen der MHT wohl nicht stattgefunden hätte!

Und das Beste ist: Es gibt den Film in voller Länge im Netz. Eine unbedigte Empfehlung sei hiermit ausgesprochen.



Revuefilm Krimi Theater Zarah Leander Attila Hörbiger Theo Lingen Géza von Bolváry begrenzter Raum Magical History Tour


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Magical History Tour: Secret Agent


Secret Agent/
Alfred Hitchcock/
GB 1936


Ein britisches Geheimdiensttrio unter dem Meisteragenten Ashenden soll, mitten im ersten Weltkrieg, einen deutschen Spion in der Schweiz aus dem Weg schaffen. Zunächst erwischen sie jedoch - ein Indiz wird fehlinterpretiert - den Falschen. Als sich schließlich das richtige Zielobjekt offenbart, kommt dem patriotischen Mordauftrag die Romanze zweier Protagonisten und sogar das moralische Gewissen in die Quere. Mehr durch Zufall als durch Absicht wird der Auftrag schließlich trotzdem - während einer Zugfahrt nach Konstantinopel - durchgeführt. Am Ende ein seltsam schiefes happy end.

Ein recht untypischer Hitchcock aus der frühen britischen Phase, im selben Jahr wie Sabotage und ein Jahr nach dem grandiosen The 39 Steps entstanden. Der Plot entwickelt sich zwischen den Polen von skrupellosem geheimdienstlichen Patriotismus und erwachenden Zweifeln über die moralische Legitimität solchen Tuns. Dabei gewinnt die Geschichte fast ausschließlich durch Peter Lorre in der Rolle des falschen mexikanischen Generals, seines Zeichens mord- und liebestoller Teil des Geheimdiensttrios, an Fahrt. Ansonsten hat man es hier mit einer seltsamen Spionagekomödie zu tun, die nicht einmal mit einem vernünftigen MacGuffin aufwarten kann.

Einige Sequenzen sind dennoch beachtlich: Einmal die Bergwanderung in den schweizer Alpen, die dem vermeintlichen Spion ein Ende setzen soll, in geschickter Paralellmontage mit den übrigen im Hotel verbliebenen Protagonisten und der Ausführung des Auftrags, beobachtet durch ein Fernrohr. Und dann die Aufdeckung der wirklichen Spione in einer Schokoladefabrik, samt durch Feueralarm ausgelöster Flucht expressionistisch in Szene gesetzt. Zum Schluss dann noch, mit dem Angriff britischer Doppeldecker auf den Zug, der unterwegs in die Türkei ist, kurz Action. Die dadurch ausgelöste Entgleisung bewirkt, dass sich die Agenten, bei denen sich das Gewissen meldet, nicht einmal die Hände schmutzig machen müssen.

Verfilmt nach Kurzgeschichten aus der Sammlung Ashenden von Somerset Maugham, ist dieser Hitchcock wirklich eine ziemlich eigenartige Angelegenheit.

Hitchcock Peter Lorre Spionage Schweiz Zugfahrt Magical History Tour


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Jour de fête


Tatis Schützenfest // Jacques Tati // Frankreich 1949
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Ein Tag im Leben eines Postboten...

Im beschaulichen Sainte Sévère findet ein Jahrmarkt statt. Komplett mit extra angereistem Wanderzirkus mit Karussell, Schießbuden und Kino. Durch eine hier gezeigte Filmvorführung lässt sich der zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz nüchterne Briefträger Francois von den neuen Entwicklungen der amerikanischen Post und deren angeblichen Arbeitsmethoden inspirieren. Francois, von der Dorfgemeinschaft nicht ernst genommen (obwohl er es ist, der den Überblick über die Tücken des dörflichen Alltags behält und alles wie beiläufig am Laufen hält) beschließt, hinfort alles nach den neuen, scheinbar fortschrittlichen amerikanischen Kriterien der Effizienz und Geschwindigkeit auszurichten: time is money...

Erster Geniestreich Tatis/ Monsieur Hulots. Was sich zunächst wie eine harmlose Slapstick-Variation ausnimmt, offenbart Abgründe. Die heimtückische Naivität des wacker allen Widerständen trotzenden radelnden Postboten hält gut ein dutzend ineinander verschachtelte Mikro-Episoden zusammen, welche als Ganzes ein groteskes Kaleidoskop des kommunalen Alltagswahnsinns ein paar Jahre nach Ende des Krieges ergeben. Heimlicher Held dabei: Das Fahrrad des Postboten, welches so manche Strapazen auszustehen hat. Kein Wunder, dass es sich gegen Ende des Films selbständig macht.

Die in einer kongenialen Verbindung von sich in zahlreichen Details ausdifferenzierenden Bild- und Tonebenen (herrlich hektisch gestikulierend, unverständlich französchen Dialekt parlierend) präsentierte Kritik am sogenannten Fortschritt funktioniert immer noch. In der reproduzierern Farbversion gesichtet, obwohl der Film seine unbändige Kraft sicherlich auch in reinem s/w zur Geltung bringt.

Tati Post Fortschritt Fahrrad Absurdität


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STALKER


Сталкер // Andrej TARKOWSKIJ // UdSSR 1979
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Ein namenloser Stalker, eine Art eigentümlicher Fremdenführer, führt zwei ebenfalls namenlose Personen, genannt Professor und Schriftsteller, in die Zone - ein seltsames Sperrgebiet, bestehend aus verfallenen Gebäuden und Relikten menschlicher Zivilisation, wo vor einigen Jahren ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden hat. War es ein Meteorit, oder doch der Kontakt mit einer außerirdischen Intelligenz? In der Zone soll es irgendwo ein spezielles Zimmer geben, ein Ort, wo der geheimste Wunsch des Besuchers in Erfüllung gehen soll. Das ist das Geschäft des Stalkers - er führt Interessierte auf seltsamen Wegen - die Zone erscheint als ein verwirrendes, komplexes System von Fallen, in dem es keine geraden Wege gibt - zu eben diesem Zimmer. Der Weg dorthin ist beschwerlich und voller Gefahren, und nicht alle, die in die Zone hineingehen, kommen auch wieder heraus.

Während der Expedition werden die Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt reden, debattieren und monologisieren, sich über ihre Motive, die Zone zu besuchen, rechtfertigen, den Zusammenhang ihrer jeweiligen Existenz mit dem großen Ganzen in Frage stellen. Und dann, als das seltsame Zimmer, als dem Ort der Wunscherfüllung, erreicht ist - ein jäher Umbruch, und die Rückkehr zurück in die Zivilisation, die sich im Grunde noch trostloser zeigt als das Sperrgebiet der Zone. Der Stalker kehrt desillusioniert zu seiner Frau und seiner Tochter zurück, dem Äffchen, das, stumm und verkrüppelt, aber dafür mit offensichtlich nichtmenschlichen Fähigkeiten begabt ist - nur eine der Auswirkungen der Zone auf die Menschen.

Der nach Motiven von Picknick am Wegesrand, einem Roman von Boris und Arkadi Strugatzki, die auch das Drehbuch für den Film verfasst haben, gedrehte Film konzentriert sich im Vergleich zur Romanvorlage ganz auf die existentiellen Fragen der Protagonisten, welche in der außerordentlichen Fremdartigkeit der Zone aufgeworfen werden. Die Ursprüngliche Science Fiction Grundannahme eines Besuchs einer außerirdischen Intelligenz auf der Erde, die sich in mehreren Zonen manifestiert, in denen seltsame außerirdische Artefakte aufgefunden werden, die von den Stalkern oder Schatzgräbern gesucht und unter größten Mühen - für den eigenen Profit - aus der Zone herausgeschafft werden, wird volllkommen ausgeklammert. Tarkowskijs Film konzentriert sich auf einige wesentliche Elemente der ursprünglichen Geschichte - haben die Strugatzkis in ihrem Roman jede konventionelle Science Fiction mit allen typischen Anthropomorphismen bewusst unterlaufen, so sind ihr Drehbuch und die filmischen Bilder unter der Regie Tarkowskijs eine nochmalige Abstraktion und Reduktion auf den Kern der Sache: letztlich die klassische Frage nach dem Wesen des Menschen.

Auch schafft der Film gewissermaßen eine Umkehrung der Verhältnisse - es ist nicht mehr oder zumindest nur teilweise die Zone, welche die Menschen beeinflusst, als vielmehr die jeweiligen Menschen mit ihrem Bewusstsein, ihren Überzeugungen, Wünschen und Hoffnungen, die beeinflussen, was in der Zone passiert - und was dadurch wieder mit den Besuchern der Zone geschieht... War Tarkowskijs Verfilmung von Solaris so schon eine Abstraktion von herkömmlicher Science Fiction á la Star Trek, so ist Stalker gewissermaßen eine Abstraktion einer Abstraktion. Das filmische Bilder eben vollkommen anders funktionieren als das geschriebene Wort, wird hier wohl wieder einmal deutlich - deswegen ist es aber andererseits wohl auch ungemein wichtig, bei literatischen Vorlagen (welche eben NICHT gleichbedeutend Literaturverfilmungen sind) auch diese immer miteinzubeziehen. So es auch bei Stalker in den Motiven, welche aus Picknick am Wegesrand aufgegriffen wurden, einige Elemente gibt, die ohne der Kenntnis des Buchs nicht verstanden werden können bzw. ohne diese Kenntnis eben ganz anders interpretiert werden: Stachelhaut oder Stachelschwein, der Fleischwolf, die geworfenen Schraubenmuttern, um den richtigen Weg zu finden, die Bar (im Buch Umschlagplatz für die aus der Zone geschmuggelten Artefakte) am Anfang und Ende des Films...

Zur filmischen Gestaltung selbst: Ein ganz eigentümlicher Wechsel von Schwarzweiß bzw. Sepiafarben und Farbe bestimmt die Erzählung, in der sich die über weite Strecken wie Schlafwandler agierenden Protagonisten bewegen. Langsame Kamerafahrten und Zooms sind spärlich eingesetzt. Der filmische Raum ist eine unwirkliche Mischung aus einer üppig sprießenden Vegetation und Wasser, Sumpf, Feuer und Regen, welche sich mit Resten menschlicher Zivilisation bzw. Abfall mischen. Am Beginn und am Ende der Blick auf eine Fabrik und / oder einen Atommeiler, welche noch eine ganz andere Interpretationsebene des Films eröffnet. Dazu der Soundtrack: eine Mischung aus monotonen Synthesizerklängen gepaart mit Auszügen aus klassischen Werken von Beethoven, Wagner und Ravel. Die Tonspur bewusst unrealistisch gehalten, fast wie bei Bresson, manche Geräusche bewusst verstärkt, abgeschwächt oder verfremdet.

Dazu die Protagonisten alles andere als Stars: abgewrackte Männer mit schütterem Haar und zerfurchtem Gesicht, dreckig und müde - Science Fiction Helden sehen anders aus! Aber Stalker ist eben kein, oder wenn dann nur in einer Überabstraktion, Science-Fiction Film, auch wenn in der jüngsten Vergangenheit der Film bzw. die Romanvorlage als Hintergrund für eine erfolgreiche "postapokalyptische" Computerspielreihe gedient hat. Der Film ist eben etwas ganz anderes, so wie es schon etwa Solaris oder Andrej Rubljow waren. Eine Abstraktion der filmischen Bilder,die nicht naturalistisch ist. Für einen Regisseur wie etwa Kiyoshi Kurosawa hat sich Stalker offensichtlich als Inspirationsquelle erwiesen, speziell bei seinem Film Charisma oder auch bei Loft drängt sich diese Interpretation auf.

Der letzte Film Tarkowskijs, der in der Sowjetunion (durch das Studio Mosfilm) entstanden ist. Die Sichtungen des Films beziehen sich auf die deutschsprachige Version in der Synchronisation der DEFA. Unbedingt zu empfehlen ist, neben ihren anderen Werken, die Lektüre von Picknick am Wegesrand von Boris und Arkadi Strugatzki. Stanislaw Lem (selbst wohl alles andre als zufrieden mit Tarkowskijs Solarisinterpretation) hat einen scharfsinnigen Essay dazu verfasst.

Tarkowskij Fremdartigkeit Was ist der Mensch? Devianz Natur vs. Kultur Strugatzki Filmischer Raum Hoffnung


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Magical History Tour: The Actress and the Poet


女優と詩人 /Joyu to Shijin // Mikio NARUSE // Japan 1935
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Beispiel eines frühen Tonfilms Naruses, des Meisters der Darstellung des Lebens der kleinen Leute, um einen erfolglosen Schriftsteller und dessen Frau, einer Schauspielerin. Der Schriftsteller sieht sich zwar gerne als der Herr im Haus, muss aber neidlos anerkennen, dass es seine Frau ist, welche die Miete bezahlt. Mit feinem Humor und gleichzeitigem Pessimismus gespickte Erzählung, welche durch das Verhältnis des Paars zu den wohlhabenderen Nachbarn und einem weiteren, aber noch ärmeren Schriftsteller kontrastiert wird. Als die Schauspielerin Zuhause eine ihrer Rollen übt und ein Streit ausbricht, überlagern sich gespielte Rollen und tatsächlicher Alltag der Protagonisten.

In Anbetracht der Tatsache, dass sich der Tonfilm in Japan um einige Jahre später als im Westen durchgesetzt hat, ist besonders die Anfangssequenz des Films interessant: der Lärm des vorbeifahrendes Zuges, der Schrei der Schauspielerin wirken hier geradezu als Signal, als spielerische Auseinandersetzung mit dem neuen Medium Tonfilm. Daneben gibt es aber auch noch ein oder zwei Sequenzen, die noch voll in der Darstellungsweise des Stummfilms stehen. Ansonsten ist die Inszenierung vollkommen schnörkellos und geradlinig.

Ein Film, der in die höchst produktive Frühphase Naruses fällt, im selben Jahr hat er noch vier weitere Filme produziert. Enstanden im Studio der PCL (Photo Chemical Laboratory), aus denen später das Studio Toho hervorgehen sollte. Ein interessantes Frühwerk, vor allem auch im Vergleich mit der Entwicklung des Genres etwa bei Ozu.

Naruse Drama shomin-geki Magical History Tour