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Jener Sommer, das ruhigste Meer

Noruberutos zusammengewürfelte Bemerkungen zum Film und die damit zusammenhängenden Gegenstände




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L'Armée des Ombres (Armee im Schatten) - Jean Pierre MELVILLE, F 1969



Vichy-Frankreich im Winter 1942/43. Eine lose Gruppe von Widerstandskämpfern kämpft gegen die Naziherrschaft. Im Zentrum der Erzählung steht ein Ingenieur (Lino Ventura), der zunächst in einem Gefangenenlager inhaftiert ist und dort auf die unterschiedlichsten Gruppen von Inhaftierten trifft. Durch die Widerstandsgruppe wird er in einer verdeckten Operation befreit. Im Folgenden stehen erneute Flucht und die Jagd nach (vermeintlichen) Kollaborateuren / Verrätern im Mittelpunkt, sowie eine abenteuerliche Flucht aus Frankreich nach London mittels U-Boot (wohl um von dort aus den heimischen Widerstand zu koordinieren) und kurz darauf eine ebenso abenteuerliche Wiedereinreise per Fallschirm.

Mehrere Mittglieder der Résistance-Gruppe werden verhaftet und gefoltert, eine spektakuläre Befreiungsaktion scheitert. Überhaupt wird relativ schnell klar, dass die Widerstrandsgruppe auf ziemlich verlorenem Posten steht und eigentlich mehr mit sich selbst (wer ist loyal, wer nicht?) als mit dem aktiven Kampf gegen die Besatzer beschäftigt ist. Im Mittelpunkt einer weiteren spektakulären Befreiungsaktion steht die einzige Frau der Gruppe (überhaupt die einzige erwähnenswerte Frauenrolle im Film), ihre Bemühungen wird sie jedoch teuer bezahlen müssen - gegen Ende des Films vielleicht die deprimierendste Entwicklung einer Reihe von unschönen Ereignissen. Am Ende steht, wie sich unschwer abzeichnet, das totale Scheitern. Am Anfang und Ende der Triumphbogen, ironischerweise.

Melville, selbst während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance tätig, hat den Film nach einem französischen Roman (von einem gewissen Joseph Kessel) gedreht. Wieviel nun aus den eigenen Erfahrungen des Regisseurs in die Produktion eingeflossen ist, das ist die Frage. Die Inszenierung jedenfalls ist durchgehend deprimierend - schmutzige, beige-grau-braune Landschaften, Menschen und verfallene Interieurs; maskenhafte, leere, illusionslose Gesichter, Nihilismus. Besonders die Tatsache der offensichtlichen totalen Unwirksamkeit der Widerstandsaktivitäten verbunden mit deren eigener Unerbittlichkeit machen die Sichtung des Films zu einem nicht wirklich angenehmen Erlebnis. Sind die Protagonisten etwa in Le Samourai oder Le Cercle Rouge isolierte Individuen, die gewissermaßen in ihrem Privatkosmos agieren, so hat man es hier mit einem realen geschichtlichen Hintergrund und mehr oder weniger real nacherzählten Ereignissen zu tun. Natürlich gilt das für jeden Krieg oder jede Extremsituation, in der sich Menschen befinden. Melville hat es jedenfalls wie wenige geschafft, solche Schreckenszeiten distanziert-intensiv darzustellen.

Zweiter Weltkrieg Résistance Frankreich Untergrundkampf Lino Ventura J.P. Melville



Der gewisse Joseph Kessel hat übrigens auch die literarische Vorlage zu Bunuels "Belle de Jour" geliefert. Ich glaube, er galt
als Trivialschriftsteller, aber aus den schlechtesten Büchern
werden oft die besten Filme.

Für mich ist dies der beste Film Melvilles. Darum freue ich mich,
dass du darüber schreibst. Er ist von der fatalistischen Weltsicht
Melvilles geprägt, und unterscheidet sich damit kaum
von seinen Gangsterfilmen. So wie du schreibst, sind die
Resitance-Kämpfer mehr mit sich selbst beschäftigt, als mit den
Deutschen.
Außerdem werde ich nie Mathildes Gesicht am Ende des Filmes,
das auch ihr persönliches Ende ist, vergessen.

Ein großer Film.
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