Hallo allesammen!
Seit geraumer Zeit nun schmökere ich schon in diesem schönen Forum vor mich hin (kurz geäußert habe ich mich auch einmal).
Doch nun schreit es in mir nach mehr!
So werde ich das unter Spannung stehende Experimentierfeld eines Filmtagebuchs betreten, dessen inhaltliche Ausrichtung, verquere Gedankengänge inklusive, von der jeweiligen individuellen Tagesform und Ansprechbarkeit abhängig sein wird.
Aber schaun wir mal...
"Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung." (Beuys)


Denn es gibt keine Wahrheit
Erstellt von Nachtmahr, 13.12.2004, 22:53
8 Antworten in diesem Thema
#1
Geschrieben 13. Dezember 2004, 22:53
"I think that's one great function of music and art and communicating through this abstract symbolism, is just that it can ring really true. It can soften the blow of living."
(Conor Oberst)
(Conor Oberst)
#2
Geschrieben 13. Dezember 2004, 23:11
Twentynine Palms von Bruno Dumont
DVD-Sichtung
Die diesjährige Nobelpreisträgerin in der Sparte Literatur, Elfriede Jelinek, ist nicht zur Preisvergabe in Stockholm erschienen.
Sie begründet dies mit ihrer Unfähigkeit, das Haus zu verlassen, um sich an einem fremden Ort einer großen Ansammlung von Menschen präsentieren zu müssen.
Das sollte man der Avantgarde-Autorin glauben, doch, und hier wird es interessant, eine Fraktion im Presseorganismus sieht in jener Entscheidung, in Schweden nur über drei Leinwände einen konservierten Text zum Festtage abzulesen, vor allem eines: die große Kapitulation der Literaturszene vor den gefertigten Bildern.
"Hat hier nicht ein Literaturstar ernst gemacht mit der Einsicht, dass es letztlich die Bildmedien sind, die unsere sozialen, kulturellen und politischen Systeme strukturieren, und nicht die Literatur?" (Daniel Haas, "Spiegel")
Negativ könnte man diese Kränkung auffassen.
Meine in die Welt des Filmes transmittierte Behauptung/Frage: Gesetz den Fall, es gäbe eine Form des Filmischen, die vorverdaute stilistische Erklärungsmodelle weitgehend zurückschraubt, sie (wenn) so präzisiert nur wie möglich setzt, die den Dialog nur mit äußerster Filigranität behandelt oder fast ganz missachtet. Wäre diese reduzierte Form nicht ein wichtiger Schritt ab von eingetrampelten Pfaden der Bevormundung des Zuschauers?
Das Vertrauen auf Mündigkeit und innere Substanz hätte den Wort(sch)wall (da wären wir wieder bei der Literatur) und die Ich-Perspektive als Orientierungsmaterialien überwunden.
Die bloße Oberfläche lüde zur Reflexion ein, dazu, von der Fähigkeit Gebrauch zu machen, sich im Gegenüber spiegeln zu können. Selbständig. Das Hineinversetzen ohne Beschreibungshilfen.
Natürlich ist Literatur dazu auch in der Lage...eine hohe Kunst ist es dort aber ebenso.
Link
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DVD-Sichtung
Die diesjährige Nobelpreisträgerin in der Sparte Literatur, Elfriede Jelinek, ist nicht zur Preisvergabe in Stockholm erschienen.
Sie begründet dies mit ihrer Unfähigkeit, das Haus zu verlassen, um sich an einem fremden Ort einer großen Ansammlung von Menschen präsentieren zu müssen.
Das sollte man der Avantgarde-Autorin glauben, doch, und hier wird es interessant, eine Fraktion im Presseorganismus sieht in jener Entscheidung, in Schweden nur über drei Leinwände einen konservierten Text zum Festtage abzulesen, vor allem eines: die große Kapitulation der Literaturszene vor den gefertigten Bildern.
"Hat hier nicht ein Literaturstar ernst gemacht mit der Einsicht, dass es letztlich die Bildmedien sind, die unsere sozialen, kulturellen und politischen Systeme strukturieren, und nicht die Literatur?" (Daniel Haas, "Spiegel")
Negativ könnte man diese Kränkung auffassen.
Meine in die Welt des Filmes transmittierte Behauptung/Frage: Gesetz den Fall, es gäbe eine Form des Filmischen, die vorverdaute stilistische Erklärungsmodelle weitgehend zurückschraubt, sie (wenn) so präzisiert nur wie möglich setzt, die den Dialog nur mit äußerster Filigranität behandelt oder fast ganz missachtet. Wäre diese reduzierte Form nicht ein wichtiger Schritt ab von eingetrampelten Pfaden der Bevormundung des Zuschauers?
Das Vertrauen auf Mündigkeit und innere Substanz hätte den Wort(sch)wall (da wären wir wieder bei der Literatur) und die Ich-Perspektive als Orientierungsmaterialien überwunden.
Die bloße Oberfläche lüde zur Reflexion ein, dazu, von der Fähigkeit Gebrauch zu machen, sich im Gegenüber spiegeln zu können. Selbständig. Das Hineinversetzen ohne Beschreibungshilfen.
Natürlich ist Literatur dazu auch in der Lage...eine hohe Kunst ist es dort aber ebenso.
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"I think that's one great function of music and art and communicating through this abstract symbolism, is just that it can ring really true. It can soften the blow of living."
(Conor Oberst)
(Conor Oberst)
#3
Geschrieben 15. Dezember 2004, 20:23
Wasserspiele von Shohei Imamura
TV (Arte)
Nach "Der Aal" nun der zweite unangenehm auffallende Film von Imamura, der die ursprüngliche Präsentation seiner netten wie fragwürdigen Idee (Frau Inkontinezia als sexfreudiger Ur- und Lebensquell) auf spätestens halber Strecke zur uninspirierten Wiederholungstäterei mäandern lässt.
Mangels formaler Strenge plätschern die gefahrlosen Wasserspielchen vor sich hin, bis sie (wohl) endgültig im Motivleerlauf münden (?)
Ich bin eingeschlafen.
Link
TV (Arte)
Nach "Der Aal" nun der zweite unangenehm auffallende Film von Imamura, der die ursprüngliche Präsentation seiner netten wie fragwürdigen Idee (Frau Inkontinezia als sexfreudiger Ur- und Lebensquell) auf spätestens halber Strecke zur uninspirierten Wiederholungstäterei mäandern lässt.
Mangels formaler Strenge plätschern die gefahrlosen Wasserspielchen vor sich hin, bis sie (wohl) endgültig im Motivleerlauf münden (?)
Ich bin eingeschlafen.
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(Conor Oberst)
(Conor Oberst)
#4
Geschrieben 18. Dezember 2004, 20:16
Ich habe keine Angst von Gabriele Salvatores
erneute DVD-Betrachtung
In Platos Schriften (oder ins Schriftliche übertragenen Worten) "Über die Republik" ist ein Dialog zu finden, in dem der Meister seinem Schüler Glaukon von einer unterirdischen Höhle erzählt. In dieser leben Menschen, die an Hals und Beinen gefesselt sind, sich somit nicht bewegen können und immer nur auf die vor ihnen liegende Wand blicken. Alles, was sie zu Gesicht bekommen, sind Schatten, die sie selber und die Gegenstände hinter ihnen auf diese Wand werfen. Ursprung der Schatten sei das Licht, das vom rückwärtigen Höhleneingang kommt. Müssten dann diese Menschen, so die berechtigte Fragestellung, nicht die Schatten als die Wirklichkeit ansehen?
Wenn man nun einen dieser Menschen seiner Fesseln befreite und ihn dazu brächte, sich umzudrehen, gegen das Licht zu den ursprünglichen Dingen, welche die Schatten werfen, zu blicken, würden dann nicht bestimmt seine Augen geblendet sein und er im ersten Moment nichts erkennen; würde er sich nicht gegen dieses schmerzhafte Erlebnis wehren und seine frühere Welt für die "wirklichere" halten?
Erst nach und nach würde ihm klar werden, dass die Sonne (als Symbol für den eigentlichen Ursprung alles Sichtbaren) eine höhere Qualität der Erkenntnis offenbart, als die bloße schattenhafte Abbildung. Würde dieser erleuchtete Mensch aber - so weiter bei Plato - von der hellen, grellen Oberwelt wieder zurück in die dunkle Höhle kehren, müssten seine Augen sich wiederum an die alte/neue Situation gewöhnen. Seine Kameraden würden ihn, ob der verlorenen Fähigkeit, Dinge zu sehen, verhöhnen und ihn einen Lügner schimpfen.
Die 10jährige Hauptfigur in Gabriele Salvatores "Ich habe keine Angst", Michele, entdeckt während eines brütenden, ausgetrockneten Sommers im Süditalien des Jahres 1978 ein verstecktes Erdloch. Eine Höhle, in der ein gleichaltriger Junge dahinvegetiert.
Die Erwachsenen halten ihn dort fest.
"Aber wir sind in keinem Loch!"
"Wir sind da, wo man hinkommt, wenn man tot ist!" fundiert der entrückte Gefangene in seiner Hilflosigkeit.
"Du bist in einem Loch in der Erde, und draußen, da ist alles andere: der Himmel, die Felder!" widerspricht Michele.
"Io non ho paura" ist nur sekundär ein Thriller; Salvatores setzt vielmehr auf Psychologisierung und dekliniert die Seelen- und Gedankenstruktur eines Kindes.
Dafür entwickelt er eine virtuose Bildersprache, deren aus Natur und Tierwelt entlehnte Symbolik nicht selten an das Noir-Meisterwerk "Die Nacht des Jägers" denken lässt.
Den perfid rationalen, materialistischen wie tragischen Beweggründen der Entführer steht ein multifokales Phantasie- und Imaginationsreservoir gegenüber.
Nachdem die Eltern, ganz besonders der Vater, Michele unter Androhung härtester Strafen verboten haben, den Jungen im Loch weiterhin zu besuchen, fährt er mit dem Fahrrad zwar in die untersagte Richtung, traut sich jedoch nicht über den letzten Grenzpunkt, ein Holztor, hinaus.
Wutentbrannt brüllend radelt er wieder zurück......Doch er wird die Grenze überwinden.
Erkenntnistheorie (Höhlengleichnis), kindliche Phantasterei...Nicht ein auf das Alter des Hauptprotagonisten reduzierter naiver (reiner) Unschuldsblick macht diese Parabel so sehenswert; es ist die freigeistige Attitüde dahinter, die ohne Vorboten und äußere Einflüsse, unabhängig des gesellschaftlichen Kontextes zu erblühen scheint.
Ein ureigenes, individualistisches Moralbewusstsein.
Gedanken an Giordano Bruno, Galilei oder Dietrich Bonhoeffer sind in ihrem Kern gar nicht mal so abwegig.
It's the inner light, stupid.
(Und der Film mag zwar atmosphärisch nicht zwingend in die "winterlich-weihnachtliche" Befindlichkeit passen, thematisch tut er dies schon - etwas für die ganze Familie.)
Link
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erneute DVD-Betrachtung
In Platos Schriften (oder ins Schriftliche übertragenen Worten) "Über die Republik" ist ein Dialog zu finden, in dem der Meister seinem Schüler Glaukon von einer unterirdischen Höhle erzählt. In dieser leben Menschen, die an Hals und Beinen gefesselt sind, sich somit nicht bewegen können und immer nur auf die vor ihnen liegende Wand blicken. Alles, was sie zu Gesicht bekommen, sind Schatten, die sie selber und die Gegenstände hinter ihnen auf diese Wand werfen. Ursprung der Schatten sei das Licht, das vom rückwärtigen Höhleneingang kommt. Müssten dann diese Menschen, so die berechtigte Fragestellung, nicht die Schatten als die Wirklichkeit ansehen?
Wenn man nun einen dieser Menschen seiner Fesseln befreite und ihn dazu brächte, sich umzudrehen, gegen das Licht zu den ursprünglichen Dingen, welche die Schatten werfen, zu blicken, würden dann nicht bestimmt seine Augen geblendet sein und er im ersten Moment nichts erkennen; würde er sich nicht gegen dieses schmerzhafte Erlebnis wehren und seine frühere Welt für die "wirklichere" halten?
Erst nach und nach würde ihm klar werden, dass die Sonne (als Symbol für den eigentlichen Ursprung alles Sichtbaren) eine höhere Qualität der Erkenntnis offenbart, als die bloße schattenhafte Abbildung. Würde dieser erleuchtete Mensch aber - so weiter bei Plato - von der hellen, grellen Oberwelt wieder zurück in die dunkle Höhle kehren, müssten seine Augen sich wiederum an die alte/neue Situation gewöhnen. Seine Kameraden würden ihn, ob der verlorenen Fähigkeit, Dinge zu sehen, verhöhnen und ihn einen Lügner schimpfen.
Die 10jährige Hauptfigur in Gabriele Salvatores "Ich habe keine Angst", Michele, entdeckt während eines brütenden, ausgetrockneten Sommers im Süditalien des Jahres 1978 ein verstecktes Erdloch. Eine Höhle, in der ein gleichaltriger Junge dahinvegetiert.
Die Erwachsenen halten ihn dort fest.
"Aber wir sind in keinem Loch!"
"Wir sind da, wo man hinkommt, wenn man tot ist!" fundiert der entrückte Gefangene in seiner Hilflosigkeit.
"Du bist in einem Loch in der Erde, und draußen, da ist alles andere: der Himmel, die Felder!" widerspricht Michele.
"Io non ho paura" ist nur sekundär ein Thriller; Salvatores setzt vielmehr auf Psychologisierung und dekliniert die Seelen- und Gedankenstruktur eines Kindes.
Dafür entwickelt er eine virtuose Bildersprache, deren aus Natur und Tierwelt entlehnte Symbolik nicht selten an das Noir-Meisterwerk "Die Nacht des Jägers" denken lässt.
Den perfid rationalen, materialistischen wie tragischen Beweggründen der Entführer steht ein multifokales Phantasie- und Imaginationsreservoir gegenüber.
Nachdem die Eltern, ganz besonders der Vater, Michele unter Androhung härtester Strafen verboten haben, den Jungen im Loch weiterhin zu besuchen, fährt er mit dem Fahrrad zwar in die untersagte Richtung, traut sich jedoch nicht über den letzten Grenzpunkt, ein Holztor, hinaus.
Wutentbrannt brüllend radelt er wieder zurück......Doch er wird die Grenze überwinden.
Erkenntnistheorie (Höhlengleichnis), kindliche Phantasterei...Nicht ein auf das Alter des Hauptprotagonisten reduzierter naiver (reiner) Unschuldsblick macht diese Parabel so sehenswert; es ist die freigeistige Attitüde dahinter, die ohne Vorboten und äußere Einflüsse, unabhängig des gesellschaftlichen Kontextes zu erblühen scheint.
Ein ureigenes, individualistisches Moralbewusstsein.
Gedanken an Giordano Bruno, Galilei oder Dietrich Bonhoeffer sind in ihrem Kern gar nicht mal so abwegig.
It's the inner light, stupid.
(Und der Film mag zwar atmosphärisch nicht zwingend in die "winterlich-weihnachtliche" Befindlichkeit passen, thematisch tut er dies schon - etwas für die ganze Familie.)
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Link 2
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(Conor Oberst)
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#5
Geschrieben 02. Januar 2005, 04:56
Der Vorhang fällt, die Komparsen sacken zusammen, das Publikum verlässt schweigend den Saal.
Der Protagonist nimmt einen letzten tiefen Schluck aus dem Weinglas, wirft den Mantel über und wendet sich mit Grausen ab.
Der Protagonist nimmt einen letzten tiefen Schluck aus dem Weinglas, wirft den Mantel über und wendet sich mit Grausen ab.
"I think that's one great function of music and art and communicating through this abstract symbolism, is just that it can ring really true. It can soften the blow of living."
(Conor Oberst)
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#6
Geschrieben 02. Januar 2005, 17:15
Ein neues Jahr, ein konstant gebliebener DVD-Turm. Würde Friederike Mayröcker Film statt Schrift konservieren, sähe es bei ihr vielleicht ähnlich aus...Aber nein, ich übertreibe...und schweife ab...
"Film-Geek" Harry Knowles hat ihn zum Werk seines vergangenen Jahres gekürt, mich hat er eher gelangweilt: Taegukgi (Link).
Ein sich um Kitschstandards (die unsägliche, emotionalisierende Musikdaueruntermalung; die schwülstig vorgetragenen Familienbande) und harte, verwackelte Gefechtsszenerien bewegendes Kriegs-Epos, dass, ganz politisch korrekt, keine der gegnerischen Seiten favorisiert (im Gegensatz zu "Silmido"), aber auf der anderen auch berechenbar und nur allzu bekannt daherdonnert.
Obwohl ich Harry Mulischs Entdeckung des Himmels (Link) nicht gelesen habe, darf ich wohl doch ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass Jeroen Krabbés Verfilmung des Stoffes in Sachen Komplexität und böser Satire nicht das kinematographische Pendant reichen kann. Wir haben es mit einem religiös gefärbten Mystery-Thriller der gewöhnlichen Sorte zu tun, den auch der typische britisch-schwarzhumorige Intellektuellen-Gestus (oder Snobismus?) à la Stephen Fry, die handwerklich solide Regiearbeit, der bemüht gravitätische Score Vrientens oder die androgynen Qualitäten von Neil Newbon nicht wirklich retten können.
Doch eine beruhigende Lektion dürfen wir uns gern erteilen lassen: Ob Mensch, ob Engel, die Grenzen verschwimmen, alles Ansichtssache, denn der Ärger mit der Obrigkeit ist oben wie unten stets derselbe.
"Was ist das?"
"Das ist Moses von Michelangelo!"
"Was ist das unter seinem Arm?"
"Vielleicht eine Pizza!"
The Hanging Garden (Link) ist ein nettes, kleines Problemfilmchen, entwickelte sich nach Überwindung meiner anfänglichen Skepsis zu einem Familienporträt, das mit erzählerischer Leichtigkeit und surrealen Momenten von der Rückkehr eines aus dem interfamiliären Raum Geflüchteten, dessen Suche nach innerem Frieden, einem resultierenden Neuanfang berichtet.
Klingt ebenso bekannt? Stimmt. Doch die wenig zimperlichen irisch-kanadischen Umgangsmethoden sowie der symbolische Charakter der psychologisch motivierten Rückblenden und nie komplett aufgeklärten Handlungsstränge, machen den hängenden Garten zu einem Kind der Dickens'schen Weihnachtsgeschichte, das Mitkonkurrenten an der Nahrungskette, ich denke da beispielsweise an Cronenbergs "Spider", locker das Essen streitig machen könnte.


"Film-Geek" Harry Knowles hat ihn zum Werk seines vergangenen Jahres gekürt, mich hat er eher gelangweilt: Taegukgi (Link).
Ein sich um Kitschstandards (die unsägliche, emotionalisierende Musikdaueruntermalung; die schwülstig vorgetragenen Familienbande) und harte, verwackelte Gefechtsszenerien bewegendes Kriegs-Epos, dass, ganz politisch korrekt, keine der gegnerischen Seiten favorisiert (im Gegensatz zu "Silmido"), aber auf der anderen auch berechenbar und nur allzu bekannt daherdonnert.
Obwohl ich Harry Mulischs Entdeckung des Himmels (Link) nicht gelesen habe, darf ich wohl doch ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass Jeroen Krabbés Verfilmung des Stoffes in Sachen Komplexität und böser Satire nicht das kinematographische Pendant reichen kann. Wir haben es mit einem religiös gefärbten Mystery-Thriller der gewöhnlichen Sorte zu tun, den auch der typische britisch-schwarzhumorige Intellektuellen-Gestus (oder Snobismus?) à la Stephen Fry, die handwerklich solide Regiearbeit, der bemüht gravitätische Score Vrientens oder die androgynen Qualitäten von Neil Newbon nicht wirklich retten können.
Doch eine beruhigende Lektion dürfen wir uns gern erteilen lassen: Ob Mensch, ob Engel, die Grenzen verschwimmen, alles Ansichtssache, denn der Ärger mit der Obrigkeit ist oben wie unten stets derselbe.
"Was ist das?"
"Das ist Moses von Michelangelo!"
"Was ist das unter seinem Arm?"
"Vielleicht eine Pizza!"
The Hanging Garden (Link) ist ein nettes, kleines Problemfilmchen, entwickelte sich nach Überwindung meiner anfänglichen Skepsis zu einem Familienporträt, das mit erzählerischer Leichtigkeit und surrealen Momenten von der Rückkehr eines aus dem interfamiliären Raum Geflüchteten, dessen Suche nach innerem Frieden, einem resultierenden Neuanfang berichtet.
Klingt ebenso bekannt? Stimmt. Doch die wenig zimperlichen irisch-kanadischen Umgangsmethoden sowie der symbolische Charakter der psychologisch motivierten Rückblenden und nie komplett aufgeklärten Handlungsstränge, machen den hängenden Garten zu einem Kind der Dickens'schen Weihnachtsgeschichte, das Mitkonkurrenten an der Nahrungskette, ich denke da beispielsweise an Cronenbergs "Spider", locker das Essen streitig machen könnte.



"I think that's one great function of music and art and communicating through this abstract symbolism, is just that it can ring really true. It can soften the blow of living."
(Conor Oberst)
(Conor Oberst)
#7
Geschrieben 31. August 2006, 17:58
Mysterious Skin von Gregg Araki
DVD-Sichtung
"I think that's why a lot of the corporate studio movies are so stilted and boring, it's because most of the people there are just earning a pay check", sagt der Schauspieler Joseph Gordon-Levitt im Interview.
Dies im Speziellen lassen wir einfach mal so ungewertet im Raume stehen. Gedanken über künstlerische Verlustgeschäfte Hollywoods aufgrund eines systemimmanenten, fast radikalen Industrialisierungsstrebens sind sicher nicht neu, bleiben jedoch toujours akut.
Doch auch davon abgesehen sehnt der sich durchs Dickicht des Mediokren schlagende Cineast immer das erhabene Gefühl herbei, auf einen Film zu stoßen, der die Mühen der Schatzsuche mit einer emotionalen Langzeitwirkung belohnt.
Gregg Arakis "Independent"-Produktion "Mysterious Skin" ist für mich so ein gefundener Schatz der Film-Kunst: ästhetisierend, ohne schnitttechnischen Klimmzügen zu frönen; tief bewegend, aber unter Vermeidung von Überdramatisierungen; behavioristische Erklärungsmodelle (auf einen bestimmten Input erfolgt eine bestimmbare, klar definierte Reaktion) weit umschiffend, doch alle Kraft in die Charakterzeichnung gebend.
"Mysterious Skin" ist einer dieser Filme, die man fühlen muss, deren Korrespondenz sich über die Vermittlung von Stimmungen nur erschließt.
Nicht umsonst weist Gregg Araki auf seine Entdeckung der subjektiven Kamera hin.
Er entwickelt Szenen, die mit Atmosphäre gefüllten Parzellen gleichen; hierbei harmonisiert vor allem der exzellente sphärische Soundtrack von Harold Budd, Robin Guthrie u.a.
Jene atmosphärische Dichte dieser - bei genauem, gerade beim wiederholten Sehen auffällig - vergleichsweise unaufgeregten und doch so intelligenten Erzählung wird dann noch eindrücklich von sämtlichen Darstellern getragen. So weit, dass sich eine Vertrautheit im Gedächtnis des Rezipienten manifestiert; "like a song that gets stuck in your head" (Brady Corbet).
Wenn Araki gegen Ende doch noch die himmlischen Mächte anfordert und Sigur Rós in die Tasten schlagen lässt, dann bleibt trotzdem Existenzialismus, ein intensives melancholisches Gleichnis, einer der unvergesslichsten Filme der letzten Jahre.
Der Film hat es leider nicht auf deutsche Kinoleinwände geschafft (die "Verleihpolitik": ein unappetitliches Thema für sich) und erschien bisher nur im UK und in den USA auf DVD.
Nun jedoch gibt es auch eine hiesige Veröffentlichung zu erwerben.
http://www.mk2.com/m...ious/index.html
DVD-Sichtung
"I think that's why a lot of the corporate studio movies are so stilted and boring, it's because most of the people there are just earning a pay check", sagt der Schauspieler Joseph Gordon-Levitt im Interview.
Dies im Speziellen lassen wir einfach mal so ungewertet im Raume stehen. Gedanken über künstlerische Verlustgeschäfte Hollywoods aufgrund eines systemimmanenten, fast radikalen Industrialisierungsstrebens sind sicher nicht neu, bleiben jedoch toujours akut.
Doch auch davon abgesehen sehnt der sich durchs Dickicht des Mediokren schlagende Cineast immer das erhabene Gefühl herbei, auf einen Film zu stoßen, der die Mühen der Schatzsuche mit einer emotionalen Langzeitwirkung belohnt.
Gregg Arakis "Independent"-Produktion "Mysterious Skin" ist für mich so ein gefundener Schatz der Film-Kunst: ästhetisierend, ohne schnitttechnischen Klimmzügen zu frönen; tief bewegend, aber unter Vermeidung von Überdramatisierungen; behavioristische Erklärungsmodelle (auf einen bestimmten Input erfolgt eine bestimmbare, klar definierte Reaktion) weit umschiffend, doch alle Kraft in die Charakterzeichnung gebend.
"Mysterious Skin" ist einer dieser Filme, die man fühlen muss, deren Korrespondenz sich über die Vermittlung von Stimmungen nur erschließt.
Nicht umsonst weist Gregg Araki auf seine Entdeckung der subjektiven Kamera hin.
Er entwickelt Szenen, die mit Atmosphäre gefüllten Parzellen gleichen; hierbei harmonisiert vor allem der exzellente sphärische Soundtrack von Harold Budd, Robin Guthrie u.a.
Jene atmosphärische Dichte dieser - bei genauem, gerade beim wiederholten Sehen auffällig - vergleichsweise unaufgeregten und doch so intelligenten Erzählung wird dann noch eindrücklich von sämtlichen Darstellern getragen. So weit, dass sich eine Vertrautheit im Gedächtnis des Rezipienten manifestiert; "like a song that gets stuck in your head" (Brady Corbet).
Wenn Araki gegen Ende doch noch die himmlischen Mächte anfordert und Sigur Rós in die Tasten schlagen lässt, dann bleibt trotzdem Existenzialismus, ein intensives melancholisches Gleichnis, einer der unvergesslichsten Filme der letzten Jahre.
Der Film hat es leider nicht auf deutsche Kinoleinwände geschafft (die "Verleihpolitik": ein unappetitliches Thema für sich) und erschien bisher nur im UK und in den USA auf DVD.
Nun jedoch gibt es auch eine hiesige Veröffentlichung zu erwerben.
http://www.mk2.com/m...ious/index.html
"I think that's one great function of music and art and communicating through this abstract symbolism, is just that it can ring really true. It can soften the blow of living."
(Conor Oberst)
(Conor Oberst)
#8
Geschrieben 31. August 2006, 18:01
Brokeback Mountain von Ang Lee
erneut im Kino gesehen
"Brokeback Mountain" ist neben "Caché" der bisher aufregendste Film des Jahres geworden - zwar liegen seine Wurzeln eher im klassischen amerikanischen Erzähl- als im europäischen Kunst-Kino, das tut seiner soziologischen Intelligenz jedoch nicht den geringsten Abbruch.
Ang Lees größtes Drama seit dem "Eissturm" umläuft mehr als gekonnt jegliches Klischee und die Hürde eines eventuellen Fettnapfes lässt sich nicht einmal aus der weiten Ferne erahnen; Vergleiche in inszenatorischer Stringenz und leise keimender Atmosphäre kann man vielleicht zu Demmes "Schweigen der Lämmer" ziehen.
Eine "intrapsychische" Kernspintomographie offenbart die erwartete/erhoffte Vielschicht (darunter geht es nicht): Psychologie (Individuum) und Soziologie (Gesellschaft) lassen sich hier nicht mehr auseinander dividieren, denn Lee hat es im Grunde genommen nie nötig, die Repression von außerhalb zu dokumentieren. Die Tragödie der Ideologie spielt sich allein in den Köpfen seiner Protagonisten ab.
Auch die Meta-Ebene: Der Brokeback Mountain, nicht nur Naturgewalt, offeriert eine Deutung als Form künstlerischen Ausdrucks, als Medium Film vielleicht sogar - ein Ort des ungehemmten Umgangs, der Auslotung des Inneren, aber auch der Illusion und Realitätsflucht, der Abgrenzung also.
Eine Verbindungslinie bietet Ang Lees Film an.
Das wären erste Thesen von mir.
erneut im Kino gesehen
"Brokeback Mountain" ist neben "Caché" der bisher aufregendste Film des Jahres geworden - zwar liegen seine Wurzeln eher im klassischen amerikanischen Erzähl- als im europäischen Kunst-Kino, das tut seiner soziologischen Intelligenz jedoch nicht den geringsten Abbruch.
Ang Lees größtes Drama seit dem "Eissturm" umläuft mehr als gekonnt jegliches Klischee und die Hürde eines eventuellen Fettnapfes lässt sich nicht einmal aus der weiten Ferne erahnen; Vergleiche in inszenatorischer Stringenz und leise keimender Atmosphäre kann man vielleicht zu Demmes "Schweigen der Lämmer" ziehen.
Eine "intrapsychische" Kernspintomographie offenbart die erwartete/erhoffte Vielschicht (darunter geht es nicht): Psychologie (Individuum) und Soziologie (Gesellschaft) lassen sich hier nicht mehr auseinander dividieren, denn Lee hat es im Grunde genommen nie nötig, die Repression von außerhalb zu dokumentieren. Die Tragödie der Ideologie spielt sich allein in den Köpfen seiner Protagonisten ab.
Auch die Meta-Ebene: Der Brokeback Mountain, nicht nur Naturgewalt, offeriert eine Deutung als Form künstlerischen Ausdrucks, als Medium Film vielleicht sogar - ein Ort des ungehemmten Umgangs, der Auslotung des Inneren, aber auch der Illusion und Realitätsflucht, der Abgrenzung also.
Eine Verbindungslinie bietet Ang Lees Film an.
Das wären erste Thesen von mir.
"I think that's one great function of music and art and communicating through this abstract symbolism, is just that it can ring really true. It can soften the blow of living."
(Conor Oberst)
(Conor Oberst)
#9
Geschrieben 31. August 2006, 18:03
Die bisher besten Filme des Jahres:
01. "Brokeback Mountain" (Ang Lee) + "Caché" (Michael Haneke)
02. "Innocence" (Lucile Hadzihalilovic)
03. "Bubble" (Steven Soderbergh)
04. "The Mudge Boy" (Michael Burke)
05. "Falscher Bekenner" (Christoph Hochhäusler)
06. "Capote" (Bennett Miller)
07. "The Graffiti Artist" (James Bolton)
08. "Die Zeit die bleibt" (François Ozon)
09. "Requiem" (Hans-Christian Schmid)
10. "Darwins Alptraum" (Hubert Sauper)
01. "Brokeback Mountain" (Ang Lee) + "Caché" (Michael Haneke)
02. "Innocence" (Lucile Hadzihalilovic)
03. "Bubble" (Steven Soderbergh)
04. "The Mudge Boy" (Michael Burke)
05. "Falscher Bekenner" (Christoph Hochhäusler)
06. "Capote" (Bennett Miller)
07. "The Graffiti Artist" (James Bolton)
08. "Die Zeit die bleibt" (François Ozon)
09. "Requiem" (Hans-Christian Schmid)
10. "Darwins Alptraum" (Hubert Sauper)
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