Gemüse from outer space, II
The Andromeda strain (2008)
Mikael Salomon
USA 2008
imdb
Die Story vom
Robert Wise-Klassiker ist bekannt:
Ein Satellit fällt vom Himmel, in einer kleinen Ortschaft sterben fast alle Einwohner, der Satellit wird geborgen und in einem hermetisch abgeriegelten unterirdischen Laborkomplex wird der tödliche Erreger, genannt "Andromeda", sowie die beiden Überlebenden erforscht.
Fangen wir mit dem Positiven an. Der (2teilige TV-) Film ist kein stumpfes remake des 71er. Zeitgenössische politisch-militärische Problematiken werden eingeflochten, die Technik bekommt ein upgrade und es wird genau ein Soundeffekt aus dem recht verstörenden score der ersten Verfilmung (Grundlage ist ein Roman vom Michael Crichton) übernommen. Die story hält sich anfänglich an die Eckpunkte der Erstverfilmung, auch Kleinigkeiten wie die epileptische Reaktion eines Forschungsteam-Mitgliedes auf flackerndes Licht (es muss hier nicht rot sein) sind zu finden. Die Kameraarbeit ist ansehnlich und die Schauspieler sind erträglich bis gut.
Diese Kurzbetrachtung des Dreistünders ist jedoch lange nicht komplett.
Im ersten Teil sehen wir zumeist Bekanntes aus der Erstverfilmung, jedoch stilistisch 'zeitgenössisch' angepasst. Der Film beginnt klischeehaft mit einem jungen Pärchen in einem Pickup, über dem beim Rumfummeln der glühende Satellit niedersaust. Die beiden sind neugierig und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Die Infektion breitet sich aus und es startet ein Jet mit einer taktischen A-Waffe, um die Gegend einzuäschern.
Im zweiten Teil geht die Post ab. Außer dem Erreger enthält der Satellit noch dessen Verpackung, eine auf Molekularebene fluktuierende Zweikomponentenkapsel, deren Analyse einen Binärcode offenbart, welcher à la "Contact" des Rätsels Lösung mit sich führt. Um das Drehbuch an dieser Stelle angemessen zu würdigen ist ein massiver Spoiler notwendig.
Neben den eingeschlossenen Wissenschaftlern wird die Geschichte durch weitere Handlungsstränge angereichert, bis sie aktuelles TV-Film-Apokalypse-Niveau erreicht hat. Ein Enthüllungsreporter turnt durch die Geschichte und wird fortwährend von Militär verfolgt. Der amerikanische Präsident hat vom "Poject Scoop" soviel Ahnung wie Bill Pullman von Area 51 und muss das sich anbahnende Debakel sowohl unters Volk als auch an andere dies argwöhnisch betrachtende Regierende aus aller Welt bringen. Die Kontaminierung breitet sich zum Schluss zu Lande, zu Wasser und in der Luft mit rasender Geschwindigkeit aus,
Eine zeitgenössische TV-Apokalypse kommt nicht ohne eine Portion horror-ähnliches body dismemberment aus. Einige Infizierte sterben noch nicht sofort, sie geraten in Rage. Einer von ihnen greift kurzerhand zur Kettensäge, um sich seines Hauptes zu entledigen. Die Wahlverwandschaft dieser Szenen zu "28 days / weeks later" wird dem Zuschauer mittels vorhergehender Filmtitelerwähnung im Dialog regelrecht eingeprügelt.
Die Vermutung, dass der Drehbuchautor mit der zweiten Hälfte des Films nicht nur einen gaU (hier: größter anzunehmender Unsinn) produziert, sondern auch schon ein paar Filme gesehen hat, drängt sich auf. Wir erleben u.a. die Geburtsstunde des Star Trek'schen Kommunikators am Shirt, die e-papers sind sogar noch wesentlich schnieker und fortentwickelter als die Mini-tablets in Picards Next Generation: sie gleichen laminiertem Papier, das sich wie ein touchscreen bedienen lässt.
"Andromeda strain (2008)" wimmelt von klischeehaften Versatzstücken. Der Zuschauer wird bereits am Anfang über die Qualität des folgenden Films gewarnt, wenn der Junge im Pickup sich in die südlichen Körperregionen des Mädchens begibt und dies mit dem Satz kommentiert "...where no man has gone before.". Für sich genommen ist der Film bereits ärgerlich genug, da sich jeder Zuschauer in Gefahr begibt, der sich ihm mit klarem Verstand nähert.
Wagt man, den TV-Film gegen die Erstverfilmung zu halten, gerät er zu einem vollkommenen Debakel. Robert Wise nimmt den Zuschauer mit auf eine nervenzerrende Reise in die klaustrophobische Abgeschlossenheit des Laborbunkers, bei der nur vereinzelte Vorfälle an der Oberfläche die Handlung im Unterirdischen intensivieren. Eine zumeist ruhig beobachtende und sachliche Kamera, Farbgebung und Soundkulisse tun ihr Übriges, um Spannung und Dramatik zu erzeugen.
Mikael Salomon unternimmt alles, um diese Effekte zu vermeiden. Langsamkeit und schleichend sich aufbauendes Grauen ist im TV nicht angesagt. Bekommt der Zuschauer bei Robert Wise bereits bei der Ankunft der Wissenschaftler im Laborsilo durch das langsame Durchlaufen der einzelnen dekontaminierenden Etagen ein Gefühl für Enge, Isolation und Zeit, lässt Salomon hübsche Frauenfüße in Zeitlupe durch ein Wasserbad tänzeln, die gesamte Truppe wird eingeschäumt wie am Fließband einer Autowaschanlage (die wedelnden Lappen fehlten) und danach beginnt die story, in jedem Handlungsstrang so lange Fahrt aufzunehmen, bis sie so schnell abläuft, dass ihre Auflösung nur noch ein peinlicher Schnellschuss sein kann. Von dem oben schon angespoilerten
ganz zu schweigen, der selbstverständlich in dem üblichen Paradoxon mündet.
Beginnt "Andromeda strain (2008)" noch recht originalgetreu und vielversprechend, so mutiert er, wie der Erreger selbst, mit zunehmender Laufzeit in etwas Schlimmes, das sich nur noch unkontrolliert selbst verbreitet. Robert Wise ist 2005 gestorben. Da bleibt es ihm erspart, seinen hochspannenden Kinofilm als runtergepillerte TV-Genregülle neu aufgelegt sehen zu müssen.